Was unser Dachboden mit Abschied zu tun hat…

26. September 2017 Von Angelique Frowein

„Und was machst du jetzt, wenn die Kids morgens im Kindergarten sind und du mal so richtig Zeit für dich hast,“ fragt meine Freundin beim gemeinsamen Essen. Ganz stolz verkünde ich: „Ich miste unseren Dachboden aus.“  „Aha,“ ist ihre kurze Antwort. „Ja, aber das machst du doch schon die letzten 2 Jahre.“
Mist! Ertappt. Anscheinend ist das wohl ein längeres Projekt, das mir gar nicht so bewusst ist. Dieses ewige Ausmisten nervt mich und trotzdem hockt da so ein fieser kleiner Antreiber irgendwo in meinem Herzen und jagt mich die marode Speichertreppe hoch.

Nein, dies wird keine Offenbarung eines Messi. Tut mir leid!
Ich habe bestimmt andere Marotten – aber nicht diese. Ganz im Gegenteil: Eigentlich liebe ich Ordnung. Bloss nicht zuviel herum liegen haben, bloss kein Chaos. Ich habe mal gehört, dass die, die zuviel Chaos in ihren Gedanken haben, viel Ordnung um sich herum brauchen. Ja, das bin ich!
Wenn ich mit einer Freundin zusammen sitze und wir unseren Kaffee getrunken haben, ertappe ich mich beim stillen „schnell wegräumen“ von leeren Tassen und Kekstütenmüll, damit es gemütlich bleibt – also so wie ich es als gemütlich ansehe. Ich atme durch, wenn alles seinen Platz um mich herum hat, wenn ich nicht andauernd über Spielzeug stolpere und Deko dezent und auch ein wenig praktisch ist. Wisch mal über eine Fensterbank mit 100 Sammelfiguren und du verstehst was ich meine.
Und auf der anderen Seite ist und bleibt Ordnung ein ewig leidiges Thema bei mir. Schwer fällt es mir, bestimmte Dinge weg zu geben und auszumisten. Das was ich nicht sehe, kann manchmal ruhig da bleiben. Auf Speichern und im Keller, in Schränken und Schubladen… Vielleicht braucht man es ja noch. Denn es kostet so viel Energie: Das Ansehen, Erinnern, Überlegen, Neu Ordnen, Weggeben und Loslassen…
Ich stehe nun im Zuge dieses „Projekts“ schon seit Jahren immer mal wieder auf unserem Dachboden, und er würde sich freuen, mal was an Gewicht zu verlieren. Doch jeder Versuch zu entrümpeln scheitert. Da sehe ich Dinge, die ich mal gekauft habe, Anziehsachen für meine beiden Kinder. Und ich weiss noch genau, wann ich es gekauft habe und wie der Große doch so niedlich drin aussah und ich muss zugeben: Es ist der Abschied, der mir schwer fällt. Denn, wenn ich diese Teile hergebe (weil sie ja einfach keine Daseinsberechtigung mehr haben) dann sage ich ja auch „Goodbye“ zu einer Phase meines Lebens. Und ich hasse Abschiede. Ich will sie einfach nicht.
Vor langer Zeit hat mal eine Freundin gesagt, dass Gott möchte, dass wir Dinge hinter uns lassen – Gute wie schlechte! Das mit dem „Loslassen negativer Dinge“leuchte mir ein. Es ist wichtig, mit leichtem Gepäck zu reisen. Schlechte Dinge nicht immer wieder hervor zu holen und wieder neu zu durchdenken oder sich damit schlecht zu fühlen.
Aber wie ist das mit dem Guten? Warum soll es so wichtig sein, das Gute mal los zu lassen. Ich erinnere mich so gerne und es tut gut. Ich habe in meinem Leben schon so viele tolle Menschen kennen gelernt, die mich irgendwann verlassen haben. Nicht aus Böswillen oder mit wilder Trennungsgeschichte. (Obwohl, das gabs natürlich auch ;-))
Es gibt Zeitabschnitte mit Menschen, die irgendwann einfach vorbei sind. Menschen gehen andere Wege, leben in anderen Städten oder Ländern oder die Interessen verändern sich. Und dann bleibt manchmal nur noch die Erinnerung an gute, gemeinsame Zeiten, Gespräche und wertvolle Freundschaften, die aber nicht mehr da sind. Auch wenn das nicht immer toll ist, es ist auch ein Teil unserer globalisierten und schnelllebigen Welt….
Manchmal werde ich dann wieder wehmütig, wenn ich mich erinnere. Dann denke ich viel nach und das Erinnern tut auch gut. Aber es hält mich auch an vergangenem und gibt der Gegenwart nicht viel Raum.
Menschen verändern sich, das Leben verändert sich. Und da wo ich loslasse, habe ich dann auch mehr Platz in Herz und Hand für neue gute Dinge und neue Menschen…. Im Verstand sehr klar aber im Herzen so oft dann auch nicht.

Ich halte wieder ein neues Kleidungsstück in der Hand und denke, das wird jetzt auch meinem zweiten Kind nicht mehr passen. Ich schlucke! Wieder ein Abschied! Eine Phase geht vorbei. So schnell! Und dann wird das Ausmisten zur Zeitreise, zum Erinnern und zum Loslassen müssen in meiner kleinen Welt. Und dann merke ich, es hat mehr mit mir zu tun als ich es mir eingestehen will.
Das Gute loslassen in der Hoffnung, dass auch der neue Tag und die neue Phase Gutes in sich trägt – oder vielleicht noch besseres. Loslassen und wieder Raum schaffen für neues! Es kostet einfach viel Energie!

Aber ich bleib dran und kämpfe mich durch den Berg meiner Errungenschaften. Versuche nicht nach draussen zu schauen, denn der Himmel ist strahlend blau – bloss nicht drüber nachdenken, was ich jetzt stattdessen machen könntet. Halte durch! Lass dich hier oben einsperren, klapp die Tür hoch, raste aus und zerstöre die Hälfte der Sachen, die hier sind – aber WERD ENDLICH MAL FERTIG!

(…..)

Ich bin weit gekommen mit meinem Projekt „Dachboden“. Viele Dinge sind weg. Und doch liegt noch viel vor mir. So richtig fertig wird man wohl nie! Manches will ich auch nicht hergeben. Denn ich möchte mich von Zeit zu Zeit auf dem Dachboden verstecken und mich dann erinnern an vergangene Tage, an witzige Momente, an Dinge, die vorbei sind aber die mal dazu gehörten zu meiner Welt.
Dann will ich alte Hefte und Briefe durchwühlen und mich hinsetzen und mir selber sagen: Weisst du noch!
Und dann packe ich ein paar Anziehsachen der Kids aus und lache vielleicht, weil alles schon so lange her ist und trotzdem alles irgendwie seine Daseinsberechtigung hat in meinem Leben.
Und dann mischt sich in die Wehmut des Vergangenen vielleicht auch was Dankbarkeit für das Leben was ich habe.
Und neben dem, dass manche Sachen wirklich weggeworfen oder verschenkt werden müssen, will ich barmherziger werden mit mir und meinen Marotten. Und mich freuen, dass ich Dinge habe, die mir immer wieder helfen mich zu erinnern!