EINMAL …

5. März 2019 Von Angelique Frowein

Wir unterhalten uns im Freundeskreis.
Kindergeburtstage stehen an und der Großteil stöhnt: „Oh man, was bin ich froh, wenn das vorbei ist.“
Ich nicke nur und denke: „Ach, ja. Das müsste ich auch noch vorbereiten.“ Wenig euphorisch – irgendwie ernüchternd.
Und so sitzen mein Mann, die Kids und ich am nächsten Nachmittag zusammen am Tisch. Vor uns leere Klopapierrollen, Krepppapier zum Basteln, Scheren und Kleber. Im Hintergrund läuft Kindermusik.
Jeder hängt irgendwie seinen Gedanken nach, während wir versuchen etwas Kreatives für unseren  6 Jährigen zu basteln. Irgendetwas, das ihm Freude macht und nicht ganz so furchtbar aussieht, so dass man es auch der Aussenwelt präsentieren kann. Das Thema ist Lego Ninjago und so werden Legoaugen auf Rollen und Ballons geklebt und alles am Ende aufgehängt oder für die Gäste bereitgelegt. Am Ende kommt tatsächlich etwas passables dabei heraus…
Am nächsten Morgen – ein Samstag / Tag des Kindergeburtstag – ist unser Sohn früh wach und ich irgendwie auch (mal zur Ausnahme). So halbwegs auf jeden Fall. Wir sitzen in seinem Zimmer und mir fällt ein, dass meine Freundin letztens ganz einfache Girlanden gebastelt hat; und weil wir gerade eh nichts besseres zu tun haben (Schlaf ist leider gerade keine Alternative), fangen wir an zu basteln. Die kleine Tara stellt uns ihr buntes Papier zur Verfügung und mein Sohn und ich schneiden und kleben…. Am Ende repariert mein Mann das ein und andere an unserem Kunstwerk und wir können die selbstgebastelte Girlande auch noch für den Geburtstag aufhängen. Nichts ist gekauft – alles wurde irgendwie von uns gemacht – und unser Sohn ist glücklich.
Dieser nimmt mich an diesem Tag in die Arme und flüstert: „Mama, danke dass wir sowas tolles gebastelt haben.“ Unbezahlbar!

16.00 Uhr: Kindergeburtstag startet…. 19.00 Uhr alles wieder vorbei: Alle Kinder glücklich und ich irgendwie auch. Tatsächlich habe ich das Chaos an diesem Tag geniessen können, auch die Lautstärke und die einzelnen Bedürfnisse, mit dem jedes Kind an diesem Tag hier ankommt.
Mein Mann bereitet das Abendessen vor, ich beschäftige die Truppe.
Wir begegnen uns kurz in der Küche. „Geht es dir gut?“ fragt er und ich lächle.
Ich bin zwar total erledigt aber auch dankbar. Dankbar dafür, dass ich gestalten darf, dass ich Ruhe hatte, vorzubereiten für diesen Nachmittag, dass wir das als Team machen und so gut zusammen funktionieren. Ich bin dankbar, Teil dieser Familie zu sein. Dankbar für jeden Moment – denn niemand weiss, wie lange man es hat.
Unsere dreijährige Tocher Tara gibt an diesem Abend ihren heissgeliebten Schnuller ab an die Schnullerfee. Wir haben Heliumluftballons gekauft und hängen den Schnuller daran. Draussen regnet es aber der Flug findet trotzdem statt. Die Kleine ist tapfer und freut sich über das Geschenk, dass die Schnullerfee ihr dafür da lässt. Der Schnuller fliegt an den überteuerten Luftballons, die wir noch schnell im Spielzeugladen erstanden haben, davon… und mit ihm auch eine Zeit, die wir genossen haben.
Kuscheln mit Schnuller abends im Bett, getröstet werden mit dem treuen Begleiter durch drei Jahre Kindheit…
Als sich der Schnuller in den regenverhangenen Abendhimmel erhebt, weiss ich: Diese Zeit kommt nie zurück. Da sitzt nun irgendwo die grausame alte Schnullerhexe und nimmt uns ein Stück weg und beendet frech einen Teil unseres Familienalltags – weil es sein muss, und weil es an der Zeit ist und, weil wir ja alle vernünftig sein wollen. Zurück lässt es mir ein weinendes Kind, dass sich plötzlich der Tragweite seiner Entscheidung bewusst wird. Neue Wege gehen, die wichtig sind, heisst auch immer etwas loslassen. Etwas, das nie mehr zurück kommt… Und um die Melancholie, die scheinbar nur ich mal wieder verspüre, noch ein wenig zu untermalen, lasse ich Mark Forster das Abschiedslied der Schnuller singen…

„Manches kommt und geht und kommt nie mehr, nie mehr
Und dadurch ist es noch mehr wert
Einmal, einmal, das kommt nie zurück
Es bleibt bei einmal, doch ich war da zum Glück
Nicht alles kann ich wieder haben
Freude, Trauer, Liebe, Wahnsinn
Einmal, und ich war da zum Glück….“ (Mark Forster EINMAL)

Dinge geschehen und einmal wird der Moment kommen, an dem es das letzte Mal passiert ist. Ein letztes Mal, wo unser Sohn sich mit Gebasteltem zufrieden gibt, ein paar Geburtstagsspiele und am Ende unbedingt mit Mama kuscheln. Sich ein letztes Mal mit dem Schnuller in den Schlaf wiegen. Ein Stück weit erwachsener werden. Erwachsener als man es vorher war. Ein Stück loslassen!
Einmal – und es kommt nie mehr zurück!
… Und ich will nicht durch dieses Leben rennen, jede Phase einfach abhaken, als erledigt betrachten und immer wieder Neues erleben ohne das Alte zu schätzen und mich immer wieder dankbar davon zu verabschieden. Ich will bewusst diesen Moment geniessen und ihn wahrhaben. Meine Entscheidung!
Zeit mit Kleinkindern ist anstrengend, wenig planbar. Das eigenen Ego ist nicht mehr Maß aller Dinge… und doch: Dieses Zeit kommt nie mehr zurück. Ich habe sie einmal. Ich muss daran erinnert werden, auch wenn es so banal erscheint. Ob die Zeit mit meinen Kindern, Zeit mit Freunden und Kollegen. Jedes Treffen – es soll mir ein Fest sein, jedes Gespräch: Wertvoll um zu wachsen, zu lernen oder einfach um zu geniessen. Bewusst will ich durch dieses Leben gehen und tanzen, weil mir gerade danach ist, ins Kissen boxen, weil Schmerz groß ist und doch immer wieder Gott fragen: Wo bist du in all dem. Nicht anklagend sondern staunend, fragend, wissend, dass alles seine Zeit hat und, dass manches nur einmal passiert oder nur eine Zeitlang. Und dass dann neue und andere Sachen anstehen.
Manchmal sind Momente nervend oder langweilig, schwierig oder unpassend. Aber alles hat seinen Sinn für eine Zeit.
Der Mensch, dem ich heute begegne und der sich Zeit für mich nimmt oder dem ich begegnen kann, wird mir vielleicht nur einmal in diesem Leben begegnen. Ich will das schätzen!
Die Arbeit, die ich heute tue, wird morgen vielleicht ein anderer machen, ich will dafür heute mein Bestes geben.

Damit schaffe ich mir einen Alltag, der immer wieder besonders ist, der es wert ist, dass ich aufschreibe, der es wert ist, gelebt zu werden.
Und somit wird das Banale immer wieder zu etwas Besonderem – und vielleicht das Leben an sich auch. Das nenne ich:
Dem Alltag Leben einhauchen!