Unvergleichlich

16. Juni 2019 Von Angelique Frowein

Es ist dieser Morgen, an dem mich der Wecker mit verzweifelten Weckrufen in den Tag locken will. Ich ignoriere ihn gekonnt und erwache eine Stunde später, weniger erholt, dafür total zerknittert und verspätet in den Tag.

Ich quäle mich ins Bad, die Kinder rennen herum. Irgendwie bekommen sie gerade all die Energie ab, die ich in diesem Moment am nötigsten hätte. Eine schnelle Dusche und dann der Blick in den Spiegel. Was ich sehe gefällt mir nicht, muss aufgehübscht und unter Schminke begraben werden. Ich schau mich an. Nur kurz und mit der Gewissheit, dass ich heute nicht mehr richtig viel retten kann.  Dafür bleibt einfach nicht genug Zeit und ein FaceLifting ist ebenfalls keine Option für den Moment.

Neben mir springt meine Tochter durchs Bad und versucht mich mit ihrer guten Laune anzustecken. Aber es gelingt ihr leider nicht wirklich.

Als ich genauer hinschaue sehe ich, dass meine vierjährige Tochter bereits komplett angezogen ist. Heute hat sie sich ihr Elsakostüm gewählt mit ihren berühmten Lackschüchen – genannt „die Spitzenschuhe“. Noch ungewaschen und mit zerzaustem Haar ruft sie mir zu: „Mama, ich bin eine Prinzessin.“ Sie bewegt sich in tanzendem Schritt vor dem Spiegel hin und her. „Guck mal. Schön oder?“
Ich denke nur, dass wir nicht genug Zeit haben werden, sie davon zu überzeugen dass Prinzessinnen im Kindergarten keine Ballkleider tragen und dass es sinnvoller wäre, sie würde sich eine Jeans anziehen und zusehen, dass sie Zähne putzt und sich die Haare kämmen lässt. Kurz rechne ich mir aus, wieviel Zeit ich einsparen könnte, wenn ich auf Zähneputzen und Haarekämmen verzichte. Aber der Hang zur Perfektion lehnt dies leider ab. Da dieser Tag mich wohl nicht zur Mutter des Jahres küren wird, entscheide ich mich für ein wenig Gelassenheit. Ich versuche es wenigstens…

Meine kleine Tochter ist so unbekümmert und es interessiert sie rein gar nicht, dass sie heute nicht dem entspricht was ich und scheinbar der Rest der Welt von ihr erwartet. Sie tanzt einfach weiter.

Und ich muss zugeben, ich finde sie wunderschön! Auch ungewaschen und mit wildem Haar. Selbst wenn ihr gewähltes Outfit nicht zur Jahreszeit oder zum Tagesprogramm passt. Ich liebe es, sie so unbeschwert zu erleben und wünsche mir, dass sie sich das nie klauen lässt. Dass sie nicht irgendwann da steht und alles in Frage stellt was sie ist und was sie ausmacht. 

Während die Tochter tanzt, geht mein Blick zurück zum Spiegel. Ich sehe Falten und Flecken, – alles was sich so auf mir niedergelassen hat in den Jahren. Ich spüre, dass ich mir selber so wenig zusage: Prinzessin, wie schön du bist! Dass ich mich frage wann ich denn zugelassen habe, mir das klauen zu lassen. Und dann ist da ja nicht nur das Äußere was mich zweifeln lässt. Es sind auch die inneren Kanten und Unzulänglichkeiten, die mich in Frage stellen lassen, dass ich geliebtes Kind und Tochter des Höchsten bin. Und dann glaube ich den Menschen, die mich in Frage stellen. Allen voran mir selber, denn ich bin mein größter Kritiker. Und dann lasse ich zu, dass die Welt meinen Wert bestimmt.

Ich wünsche mir, dass ich meine Tochter bewahren könnte vor diesen Zweifeln. Dass sie glaubt, was wahr ist, nämlich, dass sie einzigartig und königlich ist, geschaffen von Gott, der in allem den perfekten Plan hat und dass sie es schafft, sich geborgen in Gott zu fühlen egal wie sehr sie vielleicht nicht reinpasst in die Welt, und dass irgendwann ein Gesicht, das älter wird viel zu erzählen hat. 

Und so lasse ich sie noch ein wenig weiter tanzen und rufe ihr zu. „Du bist echt toll“
So wie mein Gott es mir immer wieder sagt, durch sein Wort und durch Begegnungen mit  Menschen im Alltag, die mich bestärken und wertschätzen. 


So oft aber glaube ich es nicht, verstecke mich vor mir selber, traue mir zu wenig zu, vergebe mir selten und stelle Komplimente an mich und meine Person, meine Begabungen und Grenzen immer wieder in Frage. Und so sieht dann der Alltag aus. Ich erlaube Menschen über meine Grenzen zu trampeln weil ich meinen Wert nicht kenne. Bin nicht selbstbewusst, weil ich mir meiner Einzigartigkeit nicht bewusst bin. Will mehr gefallen als einfach zu leben. Will mehr geben, weil ich nicht weiß ob ich es wert bin etwas zu bekommen Verpasse den Segen, weil ich nicht weiss ob ich ihn wert bin.  Und dann ist meine Welt nicht unbekümmert wie die meiner Tochter, mehr gehetzt und wenig königlich. Dabei haben wir den selben Gott, der die selben Worte zu uns sagt.

An diesem Morgen, der mich ein wenig zu doll in den Alttag zu schubsen droht kommt mir plötzlich ein Satz der Bibel in den Sinn „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann werdet ihr das Reich Gottes nicht haben“
Und so nehme ich mir an diesem Morgen ein Beispiel an einer kleinen Elsakönigin, die definitiv zu spät kommen wird und später Gummistiefel zu der Perfektion ihres Outfits wählt. Und dabei wird sie sich einfach wunderbar fühlen, weil sie noch nicht verloren hat, was uns manchmal so fehlt. Die Gewissheit, dass wir unvergleichlich und wunderschön sind.