HELLWACH für den Nächsten…

2. Juli 2019 Von Angelique Frowein

Ich bin so müde. So als ob jemand den Stecker gezogen und noch mal alles auf Null gesetzt hätte. Nach drei Wochen intensivem Lachen und Feiern und Hoffen und Beten und Planen und totaler Konzentration fährt auf einmal alles runter – ein kurzes Reset, ein kurzes Aussteigen, weil der Körper einfach sagt: Ich brauche eine Pause.

So fühle ich mich heute an meinem ersten Tag zurück im Alltag nach drei Wochen Projekt „Schultour“ – mit dem herrlichen Titel „Hellwach“. Und nun beginne ich zu reflektieren und zu sortieren. Das fällt meinem Herzen so schwer. Zu aller erst ist da ein kleiner fieser Schmerz, der mir immer wieder sagt: „Es ist vorbei! Es ist nicht mehr.“
Der Alltag, der mich in die Normalität zurück zwingt, ist oft auch ziemlich brutal. Es liegt hinter mir gewonnenes neues Land, neue Freundschaften und neue Erfahrungen. Ich schaue mir die Fotos und Videos an und will gar nicht weiter gehen, dabei ist mein Alltag ebenfalls gut und wertvoll. Ich bin immer noch umgeben von Freunden und Familie, von Dingen die kostbar sind und meine Aufmerksamkeit brauchen. Aber Abschied fällt schwer und das Herz, ja das Herz, hängt sich so gerne an das, was es nicht halten kann.

Ich will euch ein wenig davon mit geben, was wir in elf Schulen erlebt haben, wie sehr Gott mein Herz berührt und mich verändert hat. Gott redet immer und immer wieder und er will nicht nur mein Umfeld sondern zu aller erst mich verändern.

Schultour – was ist das eigentlich?
Kurz erklärt: Ich arbeite in der offenen Jugendarbeit
http://www.your-juca.de
in unserer Stadt. Diese wird von verschiedenen Evang. Freikirchen getragen und finanziert. Wir wollen den Jugendlichen dieser Stadt einen Ort bieten, wo sie sich einfach mit ihren Freunden treffen können. Da wo gebraucht, stehen wir als Freunde und Wegbegleiter zur Verfügung. Es gibt Gesprächsmöglichkeit und wo nötig auch Lebensberatung. Die Arbeit ist geprägt von unserem christlichen Glauben, denn Jesus war immer bei den Menschen und hat sie da abgeholt wo sie waren. Wir sind keine Kirche und doch leben wir gemeinsam Kirche.
Wir machen verschiedene Projekte mit und für Jugendliche. Die Schultour mit anschliessendem Festival (#YOUTHNITEDFESTIVAL) ist wohl unser größtes Projekt und hat vor fünf Jahren ganz klein mit der Band Solarjet aus Österreich gestartet…. Wir sind in den Schulklassen unterwegs und bieten den Schülern und Lehrern die Möglichkeit mit den Musikern ins Gespräch zu kommen und ihre Fragen zu stellen. Wir glauben, dass in jedem Menschen Träume schlummern, die man mal ab und an was herauskitzeln muss. Wir wollen ermutigen und Beziehungen zu Menschen bauen. Musik ist immer ein Brückenbauer und verbindet Menschen miteinander. Aber auch die Gespräche in den Klassen tragen dazu bei, dass junge Menschen sich aufmachen aus Dunkelheit aufzustehen und wieder an ihren Träumen festzuhalten.
Wir sind keine Missionstruppe, die Antworten auf Fragen gibt, die nicht gestellt werden. Aber wir glauben, dass Gott, der in uns lebt, der größte Ermutiger ist und die Menschen liebt – viel mehr als wir das selber je könnten.
Damals (vor fünf Jahren) war es sehr schwierig, die Schulen für dieses Projekt zu gewinnen. Mehr und mehr ist aber Interesse an den Schulen da und wir sind dieses Jahr schon zum dritten Mal mit zwei Bands unterwegs. Dieses Jahr mit #Solarjet (A) und #JACKSAYFREE (CH).

Und hier sind meine persönlichen Erfahrungen… ein Stück Reflexion für mich selber und in der Hoffnung, dass das was gut begonnen hat, nicht einfach so im Sande verläuft:

Was mich jedes Mal im Besonderem begeistert ist die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen an Förderschulen, daher bekommen diese im ersten Abschnitt eine kleine Plattform.

Ich blicke zurück auf den Tag an der Förderschule in ****** . Wie immer gestalteten wir die Unterrichtsstunden mit Fragen und Antwortspielen, Vorstellungsrunden und Musik. Die Lehrerin, die sich an dem Tag um alles kümmerte, meinte am Ende, dass es bemerkenswert war, dass mit der Aktion der Schultour ALLE Klassen von der ersten bis zur zehnten Klasse angesprochen werden konnten.
Am Ende tanzten wir alle ausgelassen beim Konzert. Dass es dabei alles fast friedlich ablief, können wir nur Gott verdanken. Die Kids an der Schule sind alle aus dem Grund da, dass sie auf emotionaler Ebene viel Förderbedarf haben. O-Ton der Lehrerin hierzu war, dass die Lehrer all die Erziehungsarbeit machen, die die Eltern zuhause nicht leisten oder nicht leisten können. Sie meinte, dass es sich hierbei um „schwer erziehbare Kinder und Jugendliche handelt“.

Viele von ihnen waren immer wieder aggressiv und beim Konzert erlebten wir einen Moment als drei Jugendliche begannen, sich gegenseitig auf den Boden zu schmeissen und agressiv zu werden. Die Lehrer waren sofort zur Stelle um die jungen Leute auseinander zu halten und auch von unseren Jungs konnte jemand eingreifen. Danach ging dann alles ruhiger weiter.
In einer Klasse war eine Lehrerin (selbst Christin) die meinte, dass wir ja gar nicht so von Jesus reden würden und dass sie es gut finden würde, wenn die Bands mehr von ihrem Glauben erzählen, weil das für die Kids gut wäre. Da kommt man dann erstmal ans Nachdenken (wie bei allem Feedback was man so bekommt)
Was wir nicht wussten war, dass parallel in der Klasse wo die Österreichische Band SOLARJET den Unterricht gestaltete, Fragen von den Schülern nach Gott, Motivation der Bands und Glauben aufkam. Es waren Fragen, die Schüler stellten und die beantwortet wurden. Die Jugendlichen waren interessiert und am Ende sogar von den Antworten begeistert. Wie gut kann man doch sähen, wenn da guter Boden ist.
JACKSAYFREE (unsere Schweizerband) macht immer ein Frage – Antwort Spiel und fragt z.B. : „Was meint ihr: Wer von uns aus der Band war schon mal im Gefängnis?“  Wenn wir vorher nicht die Aufmerksamkeit der Kids hatten, danach haben wir sie auf jeden Fall 🙂.
Nach ein paar lockeren Sprüchen klärt die Band dann auf, dass zwei von ihnen im Gefängnis arbeiten oder gearbeitet haben und Licht ins Dunkel der Menschen dort bringen möchten, neue Hoffnung und Interesse an ihrem Leben. Dann kann man über Werte, über Liebe und über „einander sehen“ sprechen, und wir sähen. Wir sähen eigentlich die ganze Zeit. Gott schenkt alles weitere. Wir erlebten Blödes und Bewahrung ebenfalls zur gleichen Zeit. Unser Auto ist direkt morgens in ein Metallgartentor gerollt, weil die Handbremse nicht angezogen war. Müdigkeit, Unkonzentriertheit und vielleicht einfache Verpeiltheit hatten diesen Vorfall ausgelöst. Trotzdem sind wir auch dankbar, dass das Auto nur ins Gartentor gerollt ist (worauf man natürlich auch hätte verzichten können) aber es hätte auch woanders hin rollen können. Schlimmeres wurde verhindert. Trotzdem ist dies natürlich ein ziemlich blöder Vorfall, der einfach Nerven, Zeit und Geld gekostet hat. Ich war für den Morgen für die Moderation in den Klassen eingeteilt, hab dann aber an meinen Mann Andre übergeben und hab die Sache mit unserem Auto geklärt. Ohne Handbremse parken – ich weiss: Keine gute Idee! Keine Ahnung was da los war. 
Als ich später wieder in die Klasse kam, setzte ich mich leise auf einen der freien Tische neben ein Mädchen, dass in sich zusammengesunken da sass. Vielleicht um den eigenen Schreck des Vorfalls zu verdauen oder auch einfach, weil Kommunikation eins meiner Leidenschaften ist, hab ich sie leise angesprochen, wer sie denn ist und hab mich direkt mit vorgestellt (ich sass ja auch schliesslich auf ihrem Tisch, da fand ich eine Vorstellung doch mehr als angebracht). Auf jedenfall haben wir uns kurz unterhalten und ein wenig angefreundet. (Ja und wir haben den Unterricht was gestört 😏. )Was ich nicht wusste war, dass dieses Mädchen die einzige war, die sich in der Klasse nicht vorstellen wollte und total in sich gekehrt da saß. So konnten wir sie trotzdem mit rein nehmen und sie war mit ein Teil der Sache. Das wäre vielleicht nicht passiert, wenn ich nicht völlig ahnungslos zu spät in die Klasse gekommen wäre. (Trotzdem kann ich auf Autos in Metallgartenzäune dankend verzichten – aber es war einfach so ein passender Moment- Gott nutzt selbst unsere Fehler…).
Während dem Konzert habe ich mit einem Mädchen und einem 9 Jährigen Jungen getanzt. Ich, das Mädchen neben mir und der Junge Jack neben dem Mädchen. Er hatte voll Spass und lachte die ganze Zeit. Irgendwann merkte ich, dass ich einen Splitter im Finger hatte, drehte mich kurz weg um den Finger zu untersuchen. Der kleine Jack kam sofort auf mich zugesprungen und frage besorgt: „Ist irgendetwas nicht in Ordnung? Hast du was?“ Und ich schaute ihn nur verdutzt an: Was hatte ich da für einen empatischen 9 Jährigen Jungen vor mir, der sich so besorgt um eine Person kümmerte, die er doch gar nicht wirklich kannte. Und wie konnte er das so mitbekommen? Er stand ja gar nicht direkt neben mir.
Hab ihm das dann auch direkt gesagt, weil ich denke, dass wir uns zu selten sagen, was wir aneinander wundervoll finden.


Schwer erziehbar und emotional vernachlässigt, schwierig und aggressiv… – das war die Beschreibung für unser „Publikum“ an der Förderschule… Aber auch und zu allererst: Menschen mit Wert vor Gott und in dieser Welt. Vielleicht unterschätzt aber trotzdem wundervoll. Wir haben viele solch emotional packenden Dinge erlebt

Was mich an der gesamten Zeit, in der wir als Team von ca. 18 – 28 Personen unterwegs waren, mehr als einmal zu Tränen gerührt hat, war dieser Teamgedanke. Jeder hat an dem Platz an dem er / sie stand unglaubliches geleistet. Wir haben zusammen gearbeitet, gelacht, geredet und getanzt. Wir haben einander gesehen und geholfen. Das ist nicht selbstverständlich, da wir doch alle sehr unterschiedlich sind und uns teilweise sonst selten sehen.

Und ein anderer Punkt, der mich sehr herausgefordert und verändert hat war, dass Gott selbst meine Fehler mit in seinen Plan einbezogen hat. Dass er nur will, dass ich ihm meine Kraft und Fähigkeit zur Verfügung stelle. Dass die Liebe das wichtigste ist und dass ich Begabungen habe, die vielleicht kein anderer hat und, dass ich nicht alles machen muss und nicht in allem gut sein muss. Mehr das tun, was mir sowieso leicht fällt. – hier kommt wieder dieser Teamgedanke zum Tragen, denn am letzten Tag in der Schule in Köln war das mein AHA Erlebnis und ich bin dankbar, dass ich es Gott wert bin, dass er mich formt und leitet. Ich will nie passiv werden und nie aufgeben zu lernen, sondern immer wachsam sein für Gottes Reden. #großeTräume beginnt da, wo ich nicht mehr kann, wo ich Gott meine Ohnmacht gebe und meine Überheblichkeit, alles selbst zu schaffen. Da wo ER demütigt, ist kein Platz für Scham und Angst, sondern nur für seine Liebe.

Ich hatte am letzten Tag der Schultour neben der Aufgabe der Moderation auch die Teamleitung bei unserem Einsatz an der Schule übernommen. Dies beinhaltete die Absprache mit den Lehrern vor Ort, den Gesamtüberblick, dass alles pünktlich aufgebaut ist, dass wir alles dabei haben und alle im Team vernünftig arbeiten können. Wo die Fäden in der Schule sonst immer bei meinem Mann André zusammen liefen, übernahm ich es an diesem Morgen- denn André war ja beim Aufbau für das anschliessende Festival. Was konnte schon schief gehen🤷‍♀.
Die erste Amtshandlung der neuen Teamchefin 🤪 war es, weise Entscheidungen für den Hinweg zu treffen… die Fahrt nach Köln gegen 8.00 Uhr macht man am besten über Land (da war ich mir sicher), damit man eventuellen Stau umfährt. Und so tuckerten wir mit unserer Schweizerband jacksayfree in Kollonne über die Dörfer….

… bis Leverkusen und fuhren dann auf die Autobahn weil ich dachte, DAS wäre eine tolle Idee. War es aber nicht  😉, hinter mir unsere Schweizerfreunde – hoffend, dass ich den richtigen Weg kannte und wir nicht im Stau stehen würden.

Dann fuhr ich auch noch auf die falsche Autobahn und wir waren auf dem Weg zurück nach Burscheid. 🙈
Heute lache ich drüber – an dem Morgen lachte ich nicht. Denn wir hatten noch 15 Minuten Zeit um nach Köln zu kommen bevor der Unterricht beginnen sollte. Wir waren aber leider wieder am Anfang unserer Reise 🧳

Der Rest des Teams war bereits vor Ort, konnten aber nicht komplett beginnen weil ich ja die Schweizer „im Gepäck“ hatte 🙈.
Der Weg über die Autobahn (nun dann doch mal Richtung Köln) klappte innerhalb einer halben Stunde (🙏 hätte also von Anfang an gepasst über die Autobahn zu fahren…) und als wir dann endlich an der Schule parkten und zur Schule hetzten, stand unser Freund Patrick vom JUCA Team da, nahm uns in Empfang und schob uns in die Klasse. So chaotisch dieser Tag auch begann, Gott hatte uns als Team da hingestellt und jeden an seinem Platz gebraucht. Ich war in diesem Moment einfach mehr denn je froh, nicht alleine mit der Verantwortung da zu stehen. Nicht gucken zu müssen, in welchen Raum wir jetzt sollten und wo wir danach weiter hin mussten. Zur Sicherheit hat Patrick uns nämlich danach abgeholt.


Wir waren zu spät in der Klasse, ich innerlich total fertig und fühlte mich als absolute Versagerin an diesem Morgen. All die Zweifel und Selbstverdammnis, die sich in meinem Herzen breitgemacht hatte, kann und will ich gar nicht teilen. Aber es waren viele und es fühlte sich nicht schön an. Die Band hechtete noch schnell zu den Toilettenräumen und so stand ich erstmal allein in der Klasse mit all den 11 Jährigen Kids, die mich gebannt und erwartungsvoll anschauten. Und was soll ich sagen: In diesem Moment verliessen mich alle Selbstzweifel. Ich hatte eine so große Liebe für die Klasse, die vor mir saß. Mir kamen sofort Ideen, wie ich die Schüler mit in die Unterrichtsstunde einbinden konnte.
Wir haben z. B. immer kleine Wasserflaschen dabei, so dass die Bands zwischen Interview und Musikstücken etwas zum Trinken da haben. Um der Verschwendung entgegenzuwirken, hat sich in unserem Team ein kleiner Trend entwickelt. Das erste was im Unterricht geschehen muss ist, die Wasserflaschen für die Musiker mit deren Namen zu beschriften. Kein großes Ding – eher irgendwie Routine. Das war ja an diesem Morgen wegen dem Zuspätkommen nicht geschehen und meine Freundin Sara, die an so etwas sofort denkt, war nicht dabei. Jetzt durften dann die jungen Schüler diese kleine Aufgabe übernehmen und später herausfinden, wem von der Band die Flasche gehört. Kein großes Ding…. aber es transportiert Wertschätzung und bezieht die Schüler mehr ein. Und das ist es, was ich mir bei jedem Schuleinsatz so sehr wünsche. Wertschätzung weitergeben und Gott machen lassen.

An diesem Morgen – unser letzter Morgen der gesamten Schultour- waren wir mehr denn je ein Team und hatten bei all der Arbeit noch jede Menge Spass und gute Begegnungen. Gott sagt, dass bei allem die Liebe das Größte ist. Zu allererst seine Liebe, die all mein Denken noch immer übersteigt. Nur er kann eingreifen in traurige Biographien, verhunzte Leben, Selbstverletzung und Gleichgültigkeit! Er macht Kaputtes wieder ganz und Hässliches wieder schön!! Und dann lässt er uns hinausgehen, am besten im Team – als Weggefährten. Vielleicht nicht immer als Schultourteam, sondern auch einfach als Freunde und Familie.
Gemeinsam unterwegs zu sein, heisst HELLWACH für den Nächsten und seine Welt zu bleiben. Und auch mit der Bereitschaft zu lernen und meinen Beitrag zu leisten da wo ich gerade stehe! Auch dann, wenn man mal müde und entmutigt ist – vielleicht gerade dann.

Ich habe nur zwei Begebenheiten erzählt. Aber ich habe noch viel mehr gesehen.
Menschen, die nach Gott fragten, Menschen die einfach da waren. Ich habe viel Treue und viel selbstlosen Einsatz gesehen, habe Hoffnung gesehen und manchmal auch Dinge, die mein Herz ein wenig zerbrochen haben. Mein Gebet ist es, dass ich nie gleichgültig werde, immer lernbereit. Fähig zu vergeben – auch mal mir selber. Den Nächsten zu achten! Die Gesellschaft zu verändern – und bei all dem immer viel zu lachen und zu spielen und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

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