Und plötzlich fing er an zu singen …

16. September 2019 Von Angelique Frowein

Heute war ich auf einem Geburtstag. Um mich herum: Alte Menschen.
Die meisten irgendwie krank und vom Leben gezeichnet. Krebs, Demenz und andere „Alterserscheinungen“ waren Thema und ich als völlig (Gott sei Dank) Ahnungslose, die zwar Menschen kannte, die krank waren, aber selber so völlig aktiv im Leben stand, hörte den Geschichten um mich herum zu. Wer da so wie krank war und, dass der und die ja schon gestorben waren.
Die Stimmung war aber gar nicht niedergeschlagen, sondern irgendwie recht sachlich, pragmatisch. So als erzählte man sich in einer Kleingruppe über die unabänderliche Schwere des Altwerdens und nahm es als einen Teil des Lebens hin – der einfach dazu gehörte. Und plötzlich fragte ein älterer Herr, der schon die ganze Zeit recht viel geredet hatte, die Geburtstagsoma, welches Lied sie sich denn wünschen würde. Nachdem diese zwei mal nicht genau verstand was er wollte, nannte sie ein Lied und ich dachte schon, dass er wissen wollte, welches Lied sie sich für ihre Beerdigung wünschen würde. Das fand ich dann doch etwas makaber- hätte aber in den Gesamtkontext gepasst.
Aber entweder wollte er jetzt für die Beerdigung üben oder es ging wirklich um ein Geburtstagsständchen… denn plötzlich fing er an zu singen. Und alle am Tisch sangen mit, ausser mir. Denn das Lied kannte ich nicht.
Es war ein altes Kirchenlied und es handelte von Jesus, der trägt und hält. Als alle so sangen und versuchten, die einzelnen Strophen zusammen zu bekommen, spürte ich einen unheimlichen Frieden, der diesen Raum schier durchflutete. Jeder dieser alten Leute war zutiefst gläubig und mit manchen hatte ich schon in der Vergangenheit hitzige Diskussionen über Gemeinde, Glaube und Jesus geführt. (Ja, meine Liebe zur Diskussion macht auch vor alten Leuten nicht halt… und ich kann sehr hartnäckig sein – die aber auch). Und so spürte ich, wie der Glaube an Gott uns in diesem Moment vereinte. Trotz unterschiedlicher Ansichten und Traditionen. Trotz jugendlichem Besserwissen und Altersstarrsinn. Trotz eigenen Vorstellungen und Befindlichkeiten.

Wenn ich mal alt bin, will ich diese Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott auch immer noch haben. Wie diese Geburtstagsgruppe. Dann will ich auch Lieder auf meinem Geburtstag singen. Lieder, die mir weiter Mut machen und mir von Gottes Liebe erzählen. Einer Liebe, die nie kaputtgeht, nie weggeht, und immer gleich stark ist.
Wenn ich am Ende mit meinen alten gebrechlichen Freunden und Weggefährten an einem Tisch einer bergischen Kaffeetafel sitze und mein Mann mir vielleicht die runzelige Stirn glatt streicht, weil meine Sorgenfalten einfach nie verschwinden wollen, dann will ich nicht meckern und motzen und klagen und weinen. Ich will ein Lied anstimmen und den Löffel vom Nachtisch behalten, weil ich weiss, das beste kommt noch… Und es bleibt – eine ganze Ewigkeit!