Vorfreude

15. Juni 2020 Von Angelique Frowein

Heute Morgen habe ich seit langem wieder immens große Vorfreude auf den Tag, der vor mir liegt. Die letzte Nacht ließ sich irgendwie nicht beruhigen und so lag ich lange da, bewegte Gedanken hin und her. Eigentlich unwichtige und banale Gedanken. Und doch dachten sie sich die halbe Nacht durch meinen leider so wachen Verstand.
Heute ist Montag und eine neue Woche beginnt. Nach drei Monaten Homeschooling geht es heute für unseren Sohn wieder die komplette Woche in die Schule. Tochter Tara geht schon wieder seit einer Woche in den Kindergarten. Wir haben wieder zusätzlich Kinder im Haus, die nicht zu unserem Haushalt gehören, wir besuchen wieder Menschen, haben wieder Begegnung und Kontakt, bleiben bedacht aber nicht mehr ängstlich.

Und ich muss sagen: Es tut gut. Es lässt durchatmen, wo ich gefühlt drei Monate die Luft angehalten habe. Ich habe wieder einen Blick nach vorne. Die Welt öffnet sich wieder: Nicht nur Schulen und Landesgrenzen, sondern auch die Grenzen, die ich in den letzten Monaten stecken musste um Menschen um mich herum zu schützen.

Als Corona die Welt lahm legte, war das für mich als würde mich ein großer Laster überfahren. Rücksichtslos und ohne auf meine Zustimmung zu warten. Ich weiss, dass es größere Probleme gab (und gibt) als meine Befindlichkeiten – und doch sind sie da und gestalten mit mir den Alltag, wie sie es bei allen tun.

Als man mir Mitte März gebot, mich von Menschen fernzuhalten, war das für den ersten Moment ok und nötig. Es war in Ordnung, denn ich hatte die wichtigsten Menschen meines Lebens (meine Familie) ja um mich. Das könnte ich schon drei Wochen oder so schaffen…. Aber aus den drei Wochen wurden vier Wochen, fünf Wochen…..
Schlimm war, dass alles im Dornröschenschlaf lag und keiner eine Exitstrategie auch nur in Erwägung zog.
Als ein Politiker dies öffentlich tat (so nach der ersten Woche im Lockdown), war die Empörung groß. Die Welt schimpfte, dass jemand es wagte, das Wort „Exitstrategie“ auch nur in den Mund zu nehmen.
Ich tanzte dazu in unserem Wohnzimmer. Weil ich wusste, wir konnten nicht ewig schlafen. Und wir mussten irgendwann da wieder raus. Und dann bitte mit Plan, und dann bitte mit guten Schritten – und bis dahin bitte mit Hoffnung unterwegs bleiben. Ich wollte, dass jemand davon sprach, dass diese Zeit des Lockdowns ein Ende haben würde.
Ich sah ja die Zahlen im Fernsehen. Die Zahlen der „in Verbindung mit Covid19“ gestorbenen Personen. Und ich spürte auch die Gefahr und dass die Welt zusammen brach. Aber ich dachte, dass man sich ja trotzdem Gedanken über die Zukunft machen müsste.
Denn wenn sich keiner der Politiker Gedanken über die Zukunft machte, hiess das ja vielleicht: Es gab gar keine Zukunft.
Und das war ein ziemlich beunruhigender Gedanke.

Jetzt sind drei Monate vorbei und Europa traut sich wieder aufzuatmen. Teilweise natürlich mit Maske und dem
(„ich kann es nicht mehr hören“ -) Mindestabstand.
Wir dürfen wieder reisen, nicht überall hin aber zu den meisten europäischen Nachbarn. Das geht wieder. Das wird schon klappen.
Exitstrategie? Oder Wahnsinn? Oder vertretbar?
Wenn wir vieles nicht wissen. Eins wissen wir:
Wir können nicht stehen bleiben. Wir werden immer mit einer gewissen Gefahr leben müssen.
Ich glaube, dass Deutschland es richtig gemacht hat. Wir wollten verhindern, dass das Gesundheitssystem unter der Corona Pandemie zusammen bricht, wie es in anderen Ländern der Fall war – und das Ziel wurde erreicht. Das vergessen jetzt viele. Auch ich hatte das vergessen. Wir haben als Gesellschaft ein großes Ziel erreicht.

Wir dürfen das auch mal sehen! Wir dürfen stolz auf uns sein.
Denn eine Gesellschaft ist ja keine kleine Gruppe wo man gemeinsam unterwegs ist und alle so ein wenig ähnlich ticken. Eine Gesellschaft besteht ja aus den ganz Tollen und den völlig Bekloppten, aus den Sanften und den Gewalttätigen, aus denen die man nie treffen möchte, und auch aus denen, dessen bloße Anwesenheit die Welt schöner machen.
Natürlich läuft da jeder seiner eigenen Befindlichkeit nach, natürlich finden wir da keinen gemeinsamen Konsens – aber vielleicht ein wenig Gemeinsamkeit, ein wenig Rücksicht, ein wenig „wir schaffen das“, ein wenig „es geht nicht nur um mich“.

Meine Vorfreude ist immer noch da und sie kribbelt im Bauch, sie lässt mich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Auch, wenn ich nicht so genau weiss, wo ich anfangen soll, und auch wenn noch vieles gerade am Boden liegt und „UNMÖGLICH“ gerade vielerorts groß geschrieben ist. Auch, wenn es finanziell enger geworden ist und geplante Projekte einfach brach liegen.
Vieles kann ich nicht tun – aber ich bleibe bei dem Gedanken: Es wird ein Morgen geben.

Und auch wenn die Welt nach Corona nicht die Welt ist, die wir vorher kannten. Sie ist immer noch da: UNSERE WELT!
Und sie wartet auf unser Dazutun. Auf unseren Beitrag, auf unsere Vorfreude anzupacken. Auf unsere persönliche „Exitstrategie“.


„Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.“Jesaja 40:31