Es hätte toll werden können

Vielleicht hätte es toll werden können, diese neue Idee von jungen Menschen der Bowl Church zum “Creative Space” im Eifgen. Aber es passt irgendwie nicht rein nach Wermelskirchen. Es gibt dafür keine Vision. Wie schade! Ich hätte es ihnen und UNS von Herzen gegönnt. Soviel Mut und soviel Vorbereitung, gepaart mit jugendlichem Idealismus und Fehlern, die allen irgendwie scheinbar verziehen werden, nur so oft nicht der jungen Generation. 

“Oh, Angie, das stimmt aber nicht so”, sagt man mir. “Das hätten die auch anders machen können, da wurden viele Fehler gemacht und man weiss ja auch nicht, ob sie das am Ende geschafft hätten”.
Ja, das weiss man nicht – aber wird man jetzt auch nie wissen.

Ich arbeite seit 14 Jahren in der offenen Jugendarbeit und habe soviele junge Menschen erlebt. Die Hauptaufgabe bestand für mich als Mitarbeiterin im JUCA so oft darin, sie zu ermutigen, an ihren Träumen festzuhalten. Wir wollten sie immer wieder rausholen aus ihrer Letargie, aus ihren Süchten und Depressionen. Davon gibt es viel in der jungen Generation – aber auch bei den Älteren – aber da ist es scheinbar nicht so offensichtlich. 

Und dann ist da eine Gruppe, die aufsteht und etwas wagt. Die nach vorne in die erste Reihe wackelt, natürlich viel zu spät bei dem Verfahren, natürlich mit der Unwissenheit, was Politik und Verwaltung angeht. Und sie raunten uns zu: Wir haben da ne Idee, und es könnte toll werden. Vielleicht! Wir könnten es gemeinsam schaffen.

Und sie kämpften auf ihre Art, und sie versuchten, scheiterten, standen wieder auf, entschuldigten sich und hielten an ihrem Traum fest. Es hätte wundervoll werden können. Dieses ganze Zukunftsdenken. Es hätte, aber es wurde nicht. Man hat mir so oft gesagt: Halt an deinen Träumen fest. Aber vielleicht geht das nur, wenn man alt ist oder gesetzt oder nach den politischen Regeln spielt. Wenn diese Träume denen gefallen, die am Ende das letzte Wort haben, die den Karren ins Rollen oder zum Stoppen bringen.

Ich bin enttäuscht von dem, was ich sehe. Wer entscheidet hier, wer setzt die Weichen für die Zukunft? Wir wollen immer, dass junge Menschen sich einsetzen für ihre Welt, ihre Stadt und ihre Gemeinschaft. Aber bitte so, wie es für uns passt, für UNS die Erfahrenen, die politisch Versierten. Es hätte toll werden können! Es hätte, aber “hätte” passt nicht rein bei uns. 
Und somit ist die Sache erledigt, war ja auch ziemlich wild in den Medien. Jetzt muss mal wieder Ruhe rein kommen. 

Die jungen Leute werden neue Plätze finden, neue Möglichkeiten, neue Ideen. Vielleicht! Aber wenn man einmal die Flügel gestutzt bekommt, dauert es oft bis man wieder fliegt. Wenn man nicht erwünscht erscheint, sucht man sich andere Orte, die oft weit weg sind von dem Ort der Enttäuschung – auch das macht man als junger Mensch. Oder überhaupt als Mensch. Dann wird die Welt nicht untergehen und auch das Eifgen oder Wermelskirchen wird es überleben. Der Trott kann weitergehen.
Es hätte aber auch toll werden können. Es hätte – aber “hätte” passt ja so oft nicht.

Mehr zu dem Thema und dem Entschluss 
https://forumwk.de/2021/06/28/eifgenareal-knappe-entscheidung-fuer-loproject/

Staunen

Ich muss sagen: Ich staune gerne. Mich fasziniert dieses Leben. Okay, manchmal macht es mich auch ziemlich wütend – aber meist staune ich und bin überrascht, was das in mir verändert. Ich staune über mich selber: Wer ich heute bin und wo ich heute stehe, was für Menschen ich kenne und was ich erreicht habe. Ich staune über Fähigkeiten, die ich einfach so habe, ohne je etwas dafür getan zu haben. Ich staune darüber, dass ich mich trotzdem so oft klein rede, obwohl ich manches kann was so kein anderer macht. Ich staune über die Tatsache, dass ich Menschen um mich habe, die mich nehmen wie ich bin. Über die Liebe meiner Kinder, die so. bedingungslos ist, dass sie mir irgendwie alles verzeiht. Dass ihnen meine Gegenwart in ihrer Welt der größte Schatz zu sein scheint. Ich staune, denn das rührt mich zu Tränen. 

Ich staune, wozu wir Menschen fähig sind. Manchmal wenn es nicht zum Staunen reicht, dann erschrickt es mich auch und macht mich traurig, denn wir tun so viel dummes Zeug. Aber neben dem, dass wir zerstören und klein machen und vernichten und töten, können Menschen auch wundervolle Dinge erschaffen, Mut machen, Leben erleichtern, Hoffnung schenken und Glauben neu sähen. Freunde sein und in die Arme nehmen, den eigenen Horizont erweitern durch ihre Sicht auf diese Welt. Ich staune, dass ich so viele gute Menschen kenne. Manche nur als entfernte Bekannte, die ich nur selten sehe, manche so nah und erfrischend, ehrlich und nahbar. Wow! Ich komme schon wieder ins Staunen.

Da sind Momente, wo meine Seele vom Himmel geküsst wird, Menschen die warten, ausharren und seid Jahren für mich beten. Menschen, ohne die ich nicht wäre, wer ich bin. Auch die, die ich traf und die mich und meinen Weg nicht verstanden, die ohne Glauben an mich, die welche Macht ausnutzten. Auch sie prägten meinen Weg. Auch durch sie bin ich heut, wer ich bin.

Staunen! Über Schönheit des Lebens, Natur, Musik und gesprochenes Wort, Menschen, die anhalten und warten auf mich und mein Tempo. Menschen die einfach mal sagen: Ich weiß! 

Ich glaub, wenn ich mehr staune als zu klagen, wenn ich mehr hoffe als zu verzagen, dann ist mein Leben heller auch mit den dunklen Flecken, dann sehe ich Licht auch wenn’s scheinbar nur dunkel ist. Ich staune über Kleinigkeiten und mache sie so groß in meinem Leben. Ich erschaffe die Welt um mich herum in mehr bunten Farben. Halte den Blick auf das gute gerichtet und es scheint als gäbe das Kraft auch für die traurigen Momente. Dann wenn der Himmel Dunkels verheisst, wenn Menschen enttäuschen und Freiheit so weit weg zu sein scheint. 

Ich will dran bleiben zu staunen! Dann ist das klagen nicht mehr so interessant, denn das Staunen braucht mich und meine Kraft. Dann erhebe ich den Blick und lächele über selbstverständlich schönes. Ein wenig mehr staunen- das will ich!

Out of the cave

Kennt ihr den Comedian „Chris Tall“?
Ich erinner mich gut an einen seiner Auftritte mit dem Titel „Darf er das?“. All seine Sprüche und Annekdoten waren ziemlich nah an dem was man einfach so nicht sagen sollte. Sie waren frech, arrogant und ziemlich dreist.
Immer wieder fragte er sein Publikum: Darf er das?
Darf er dieses sagen und jenes verhöhnen. Ich weiss gar nicht mehr im Detail, worüber er sprach, aber diese Frage: „Darf er das?“ Tja, das blieb bei mir hängen.

Als ich aus der kleinen persönlichen Höhle namens Pandemie- Lockdown kroch, fragte ich mich genau diese Frage in leicht abgewandter Form: Darf ich das? Dürfen wir das?

Donnerstag vergangener Woche gab es vor dem Rathaus in unserem kleinen Wermelskirchen den ersten Feierabendmarkt, der mich ein wenig an Normalität erinnerte. Es gab Livemusik, seit gefühlter Ewigkeit wieder. Menschen um mich herum, die sich unterhielten, Essen und Getränke kauften und sich gegenseitig wieder sahen. Als ich ankam und mich die ersten Bekannten ansprachen und ich mich so langsam im Smalltalk wiederfand, tanzte diese oben erwähnte Frage durch meinen Kopf: Darf sie das? Darf ich das?

Das dynamische Duo – Feierabendmarkt in Wermelskirchen https://www.das-dynamische-duo.de/news.php

Es war so unwirklich. Alle dieses Menschen um mich herum, all diese Normalität. War das jetzt ok, fragte ich mich?

Dabei war ich ja gar nicht so wahnsinnig lange von der Bildfläche verschwunden, hatte Freunde und Familie gesehen und immer alles irgendwie gemacht, was halt irgendwie ging und erlaubt war. Nicht, dass ich die Pandemie ansich in Frage stellte, nicht dass ich nicht mitbekam, was Bekannten mit diesem Kackvirus passierte. Trotz allem war mir neben der zu schützenden Gesundheit von Leib und Leben immer auch die psychische Gesundheit wichtig. Das war schon zu Beginn der Pandemie klar. Ohne Umarmung, ohne ein Miteinander, ohne Kultur, ohne Menschen – das war noch nie eine Option für mich. Und trotzdem verschwand auch ich in meiner Höhle, war irgendwie weg vom Fenster und trauerte dabei all dem nach was ich ebenfalls als relevant für mich und meine Welt empfand.
Ich war im vergangenen Jahr kreativ, also nicht an den Stellen wo ich es unbedingt sein wollte, sondern darin Leben zu führen trotz der Gefahr, Alltag für meine Kinder zu gestalten wo auch immer noch andere Menschen Platz fanden. Nur, wenn es unbedingt nötig war, nutzte ich Zoom. Ich wehre mich noch jetzt dagegen. War zwei mal fast selbst in Quarantäne und erlebte die Quarantäne meiner Tochter hautnah mit. Wir sind immer sehr verschont geblieben vom Virus – aber die Nebenwirkungen trafen auch uns meist hart. Ausfall der gesamten Projekte im Ehrenamt, Wegfall aller Einkünfte durch Veranstaltungen, immer wieder Umplanen, neu planen und am Ende absagen. Tränen und Fragen der Kinder aushalten, Facebook aushalten, andere stehen lassen können mit ihrer Meinung und ehrlich einander verstehen wollen. – Das hat geschlaucht, das hat müde gemacht.

Und dann geht alles gefühlt wieder los. Plötzlich geht die Welt wieder auf, öffnen sich die Tore und ich singe mit Anna von „Elsa, Eiskönigin“ das trotzige und fröhliche Lied „Zum ersten Mal seid Ewigkeiten wird Musik spielen in den Hallen, und zum ersten Mal seid langem, werd ich tanzen durch den Saal. Wachen öffnet nun das Tor!“

Und die Wachen öffnen die Tore und die Menschen strömen heraus und reissen mich mit. Und während ich daher taumel, raune ich den Menschen zu: Darf er das, darf ich das? In völliger Überforderung vor soviel unsicherer Freiheit. Trotz Impfung, trotz niedriger Zahlen. So schnell komme ich dann doch nicht mit.

Während draussen die Masken und Testpflicht wegfällt, trägt mein Schulkind und alle anderen in der Schule im Unterricht über ewig lange Zeit Masken und sie werden 2 x die Woche getestet. Unfassbar was an manchen Stellen geht, und an anderen Stellen halt nicht. Das muss ich aushalten und wieder zuhause vermitteln, trösten und auffangen. Nicht überall gehen die Tore für alle gleich auf. Das macht wütend – und dennoch ändert diese Wut nicht, sie lähmt nur.

An anderer Stelle erlebte ich die Woche dann wieder „offene Tore“:
Seid Monaten planten wir einen „Coronakonformen“ Junggesellinnenabschied für meine Freundin. Am Ende hatten wir auf 6 Personen reduziert und einen kleinen unspektakulären und dennoch gefühlt mehr als illegalen Abend geplant: Nur im Garten, nur mit ein paar Menschen, nur privat, nur zusammen, nur, nur, nur…..

und dann sang Anna, Schwester der Eisprinzessin wieder 🙂 und befahl den Wachen vor wenigen Wochen die Tore zu öffnen und wir planten spontan wieder um: Planwagenfahrt und gemeinsam mit 6 Haushalten essen gehen, gemeinsam unterwegs sein und abends unsere persönliche Livemusik im Garten, weil unser Freund und Musiker sich für uns in den Zug setzte um diesen Specialtag dann doch noch mal ne Ecke „besonderer“ zu machen. Wir haben es einfach gewagt. Die Beschenkten waren wir.

Elto beim Livekonzert im Garten
https://www.eventpeppers.com/de/manuel-elto

Noch die Tage vorher, wäre die Schulklasse meines Sohnes fast in Quarantäne gelandet. Langes Zittern und Zagen und die Angst, dass wir am Ende doch mal wieder gut geplantes hätten absagen müssen.
Auch dass ist Teil der Nebenwirkung von Pandemie, auch das zerrt an den Nerven, auch das macht unruhig und klaut Lebensqualität – vielleicht auch nur meine. Aber ich bin da auch recht subjektiv.

Nach diesem Wochenende bin ich müde, gefühlt könnte ich im Dauermodus schlafen. Mutig sein und Schritte wagen kostet auch immer Energie. Diese Frage: Darf sie das? zehrt noch mehr.

Und dennoch komm ich „out of the cave“, auch wenn es sich manchmal nicht gut anfühlt. Ich will glauben, dass ich das darf. Ich lebe mit dem Risiko, ich bleibe bedacht. Aber ich schau auch immer, was in diesem Leben möglich ist. Und dann beschenkt mich dieses Leben mit wunderbaren Momenten, mit Staunen und Lachen, mit „wieder-singen-dürfen“ mit Freunde treffen und endlosen Gesprächen, die der Seele gut tun.

Ich feiere das Leben, was sollte ich sonst tun? Ich will auch mutig in diese Zukunft gehen und glauben, dass ich eingebettet bin in einen großen Plan. Dass ich nicht heute fertig bin mit meiner Vorstellung vom Leben, sondern immer weiter lernen darf. Ich bin in Gemeinschaft hineingeboren, trage Verantwortung für das was ich tue. Aber ich will ausprobieren, Risiken eingehen in der Gewissheit, dass ich es auch nur bedingt in der Hand habe.

Die Höhle ist sicher aber halt auch ganz schön einsam. Und gegen das Gefühl von Lähmung und Angst, trete ich raus aus meinem Höhleneingang, blicke der Sonne entgegen und wage den Schritt. Erst einen und dann noch einen, dann renn ich, bald tanze ich. Und wenn die Welt wieder mal zumachen will, bin ich bereit noch mal in die Höhle zurückzukehren, aus Respekt und Anstand. Aber bis dahin tanze ich weit draussen.
Darf sie das? Keine Ahnung, aber ich mach es einfach! Einfach mal so. Vielleicht wird es gut!