Teil sein in der Kette

Heute habe ich ein paar Möhren im Gewächshaus geerntet – und ich muss sagen, die sehen definitiv nicht wie die von Oma aus. Das war der erste Gedanke, als ich die Pflanzen aus der Erde zog. Was sie aber taten wie bei Oma, sie rochen genau so. Ich fühlte mich zurück versetzt in meine Kindheit in den Schrebergarten meiner Großeltern. Mit wieviel Liebe und Mühe wurde da von ihnen ein kleines Paradies geschaffen. Ich war gerne da, hab am liebsten Himbeeren von den Sträuchern gezupft und sofort gegessen – oder halt die Möhren.
Ich erinnere mich, wie ich immer alle Gartenzwerge zum Abmarsch bereit machte, alle in einer Reihe. Und dann gingen sie Schritt für Schritt mit mir in den Garten – es hat wohl ewig gedauert – aber ich erinnere mich sehr gerne daran. Während ich mit ihnen in den Garten schritt, erzählte ich Geschichten und tauchte ein in einer Welt voller sagenhafter Stories mit Happy End. Die Erwachsenen ließen mich machen und ich liebte es.
Heute denke ich mal wieder daran, während ich das etwas misslungenes Gemüse irgendwie bearbeite um sie danach schnell zu verzehren.

Ich erinnere mich gerne. Ich blende aus was nicht gut war und halte mich am Guten fest. Und dann bin ich dankbar für gute Erinnerungen. Dafür, dass ich so etwas erleben durfte – für ein Stück unbeschwerter Kindheit da im Garten meiner Großeltern. Und ich fasse Entschlüsse für mein Leben, für meine Einstellung und das, was mir wichtig ist.

Kennt ihr das, wenn Erinnerungen wach werden, die vielleicht keiner um euch herum mit euch teilen mag? Ein Geruch, ein Lied, ein Blick. Etwas was sagt, wir sind schon was länger hier und wir haben schon einiges erlebt. Ich kenne das von Gutem und auch von Schlechtem. Da, wo ich durch Dinge heute an schlechte Dinge von gestern erinnert werde, wird das Herz schwer, es bedauert, zieht sich zusammen, erschrickt und wird manchmal starr vor Schrecken. Auch das gibt es, auch das ist Realität und braucht oft liebevolles Kümmern und einen langen Atem, um wieder zu heilen – und manches heilt auch einfach scheinbar nie.
Daneben gibt es aber auch die Dinge, die uns an Gutes erinnern, an Menschen, Begebenheiten und Träume. An Zeiten, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute noch sein wollen, es zeigt uns, dass wir geliebt sind in dieser Welt -auch manchmal trotz allem. Es lässt uns kurz lächeln oder nachdenklich werden und vielleicht gibt es auch Hoffnung für den nächsten Tag! Ich habe viele solche Momente und sie tragen mich. Ich weiss, dass es vor mir Menschen gab, die gut waren und Gutes für mich wollten.
Das war Familie, Trainer, Lehrer, Freunde, Jugendpastoren und Missionare oder auch Fremde, denen ich nur einmal begegnet bin. Ich verdanke ihnen gute Erinnerungen.
Wie sehr wünsche ich mir das für meine Kinder. Wie sehr weiss ich, dass ich so jemand sein will. Jemand, der den Freumden grüßt, Kinder ernst nimmt und fördert, die Menschen um mich herum wertschätzt und so eine Chance gibt, etwas gutes hineinzulegen in das Leben eines anderen Menschen.

So oft scheitere ich, meist dann wenn ich mir wieder viel zu viel vorgenommen habe, wenn ich mich verzettle, zu wenig schlafe oder mich zu viel sorge. Dann, wenn meine Tage so viel an Aktivitäten habe, dass ich mürrisch werde über jeden Einsatz, den Begegnung noch zusätzlich fordert.
Ich kann das so hinnehmen, denn ich weiss ja langsam wie ich ticke, wo ich falle, was ich brauche und was ich immer wieder nicht hinbekomme.
Neben dem Hinnehmen will ich Lernende bleiben, will ich mich verändern, will sehen was ich brauche und geben was ich kann – und wenn das nicht reicht, dann vielleicht das Gebet: Herr, erbarme dich!

Meine Oma hat nicht immer alles richtig gemacht – bestimmt nicht. Aber das tu ich auch nicht. Trotzdem hat sie etwas geschaffen und mich teilhaben lassen. Ich durfte in einem Teil ihrer Welt dabei sein. Das möchte ich auch.
Meine Kinder werden sich bestimmt nicht Dank dem Geruch von frischen Möhren an Gutes erinnern. Aber vielleicht sind es die Momente, die wir gemeinsam gestaltet haben, unsere Gespräche, Aktivitäten, gemeinsam einschlafen, Zeit haben zusammen, kuscheln und Alltag gestalten.
Während ich die Möhren esse, denke ich an meine Oma und würde sie gerne noch mal besuchen. Aber das geht schon seit langem nicht mehr. Auch das ist Realität. Wir sind nicht für immer hier. Deshalb will ich heute den Menschen, dem ich begegne, wertschätzen, seine Meinung stehen lassen können ohne direkt Beziehung abzubrechen – auch wenn das manchmal leichter scheint. Ich möchte andere an dem teilhaben lassen, was ich erschaffe in diesem Leben. Vielleicht bin ich dann auch ein kleiner Teil in einer Kette guter Erinnerungen!

Abschied nehmen, weiter gehen

Heute war so einer dieser Tage, der emotional packend, etwas ermüdend und am Ende dann doch wunderschön war.
Nach einem ziemlich blöden Corona-Jahr im Kindergarten haben wir heute den Abschied „gefeiert“. Vorbei sind die Kindergartenjahre und wenn ich das Foto von ihrem ersten Tag anschaue und sehe, was aus der kleinen Lady geworden ist, bin ich stolz und dankbar. Klein war sie, ach man so eine Minimaus mit ihren gerade 2 Jahren.
Da tapste sie mit ihrem kleinen Windelpopo durch die Kindergartenräume und fühlte sich sichtlich wohl unter all den anderen Kinder. Im Gegensatz zu ihrem Bruder ist Tara immer gerne in der Kita gewesen. Sie hat begeistert neue Freundschaften geschlossen, selbstbewusst all das in sich aufgesogen, was es zu lernen und zu entdecken gab. Ach was habe ich die Zeiten im Kindergarten genossen, durfte so oft Teil davon sein und spürte, dass ihr all das so gut tat. Biblische Geschichten, basteln und spielen: Das war für sie immer ein Fest und kurz schlucke ich, dass dies nun Vergangenheit ist.
Das letzte Jahr hat mir geholfen, langsam Abschied zu nehmen. Dank Corona war der Regelbetrieb sichtlich eingeschränkt und ich hatte die Anlage seit nun mehr einem Jahr nicht betreten dürfen. Als ich heute in den Kindergarten kam, maskiert und mit dem Eis für die Abschiedsfeier bewaffnet, erlebte ich den Zauber dieser wertvollen Zeit einmal neu. Da kam er hoch der Kloß im Hals, das „Nicht-Abschied-nehmen-wollen“. Das Abschiednehmen war diesmal so grausam unspektakulär und irgendwie gefühlt herzlos. Fehlten sie doch die Ganggespräche der letzten Monate, das dabei sein und immer mal wieder vor Ort sein und kurz mit der Kleinen spielen bevor ich den Kindergarten für den Morgen wieder verließ.
Zwar fand fast das gesamte Vorschulprogramm und sämtliche Ausflüge statt und die Erzieherinnen leisteten großartiges. Aber Corona schwebte wie eine gefährliche dunkle Wolke über allem. Zwei mal Quarantäneanordnungen gab es im vergangenen Jahr. Das war der Kleinen oft schwer zu erklären und dem eigenen Herzen ebenso. Wie viel Unsicherheit war da. Wie oft habe ich gedacht: Wat ne Sch.. Zeit!
Und ich frage mich, wie hat meine Kleine das alles verkraftet? Wurde sie abgehängt, wie es so oft hieß, hatte sie Schade genommen?
Ich glaube nicht. Dafür haben wir und viele Menschen um uns herum alles mögliche getan. Dankbar bin ich für Menschen, die zwar Vorsicht geboten und die Regeln eingehalten haben. Aber daneben dem ganzen auch den aufgeputschten Angstschrecken genommen haben. Aber es war anstrengend, und oft lagen die Nerven, auf jeden Fall meine, etwas blank. Und doch sind wir wie viele andere bewahrt geblieben. Das ist ein Geschenk und ein Segen. Das Virus hätte uns treffen können, denn wir haben alles getan was der Seele gut tat und irgendwie erlaubt war.

Jetzt bin ich froh, dass Ferien sind. Kein frühes raus müssen, kein Stress (oder nur den, den ich mir trotzdem mache), Vorfreude auf den Urlaub und die Schule. Keine Quarantäneangst für mindestens 6 Wochen.
Ich will nicht mit Angst in die neue Phase starten – sondern mit Dankbarkeit und Gelassenheit. Was morgen ist, das kann ich nicht sagen: Aber ich kann den Alltag so gestalten, als wäre alles gut. Gott flüstert mir zu. Lege deine Sorgen nieder, leg sie ab in meine Hand. Darauf will ich vertrauen!

Nach einer ziemlich stressigen letzten Woche vor den Ferien, ging es heute mit Mann und Freundin plus Kindern ins Schwimmbad. Erst dachte ich, dass ich dafür keine Kraft mehr haben würde. Bitte nicht noch einen Termin!
Aber als ich dann an diesem heutigen Nachmittag mit den Kindern im Wasser planschte, sah wie toll die Kleine und der Große schwammen, und mir nebenher noch einen Extra-Cappuccino mit der Freundin gönnte, da merkte ich wie ich zur Ruhe kam und wie gut diese Auszeit aus dem Alltag war. Der Akku ludt sich wieder auf, die Lebensgeister kehrten gesammelt zurück, Freude füllte mein Herz. Es war so wunderschön! So etwas muss einfach immer mal sein.

Heute habe ich Abschied genommen und neues willkommen geheissen und nebenbei einfach in den Tag gelebt!
Ob wir oder andere Schaden nehmen in dieser unsicheren Zeit, können wir mit gestalten. Wir haben zum Teil in der Hand ob wir mit Angst leben oder dem Tag die Chance geben trotz der Unsicherheit etwas wunderbar zu werden. Dabei kanne es helfen, wenn wir immer mal wieder das Herz mit seiner Furcht ernst und in die Arme nehmen, kleine Oasen schaffen, Gelassenheit in den Alltag transportieren und in allem die Gewissheit gewinnen, dass wir das alles nicht alleine schaffen müssen.
Ich wünsche dir Mut zum Abschied nehmen und Vorfreude auf das was gerade gutes vor dir liegt -sei es noch so klein!