Liebes 2021

An diesem letzten gemeinsamen Tag möchte ich dir noch ein paar Zeilen schreiben, bevor wir uns von einander verabschieden.

Ich weiß, wir hatten keinen guten Start. Normalerweise hätten wir mit tollen gemeinsamen Vorsätzen gestartet- so am 01. Januar. Wie das in all den Jahren zuvor auch war. Aber wir beide begannen im Lockdown, im stillen wahnsinnig werden. Wir beide hätten Vorfreude haben können- denn 365 Tage lagen ja eigentlich wie ein weißes Blatt vor uns. Bereit von uns beschrieben zu werden. Doch da hatte das Vorjahr schon Zuviel drauf herum gekritzelt. So völlig gegen die Regeln.

Und so konntest du mir erst mal nicht viel bieten. Du konntest mir nur sehr viel VERbieten und mich klein halten. Normalerweise gibst du in unserer „Beziehung“ immer den Ton an. Du bietest mir Aktion und Ziele, Dinge, auf die ich mich freuen kann. Du bemalst meinen Kalender mit schönen Farben. Doch 2021: Du fandest die schönen Farben nicht. 

Und als die Tage so dahin gingen, merkte ich: Du würdest dieses Jahr nicht vorbereiten. Ich musste selber wagen. Viel mehr als sonst. Ich musste selber den Schatz dieses Jahres finden, selber danach buddeln und neues wagen. Einfach nur, damit du und ich nicht verloren gingen. Ich hätte dich von Anfang an aufgeben können. Es hätten viele verstanden. 

Doch ich wollte, dass du besonders wirst. Und so habe ich die Buntstifte ausgepackt und habe losgemalt.

Es wurde mein eigenes Bild von dir und mir. 

Auf vielen Bildern gab es das hässliche Grau. Ich wollte diese Farbe nicht, denn normal ist eine Sache schwarz oder weiß. Eine Grauzone wird nicht empfohlen, aber ich malte sie dennoch oft in diesem Jahr. 

Ich hätte mehr Abstand halten sollen um die Gesundheit zu schützen, stattdessen nahm ich Menschen in die Arme, machte alles was irgendwie noch erlaubt war, hörte Menschen mit komischen Ansichten zu und versuchte zu verstehen, ersetzte Regeln durch meinen eigenen unvollkommenen Menschenverstand, malte so viel grau auf die Leinwand, weil ich vieles nicht mehr verstand.

Dann malte ich grün auf die Leinwand: die Farbe der Hoffnung. Ich sähte sie aus in meinen Texten, in Gesprächen und dem Zuhören. Ich legte Hoffnungsgrün in Kinderherzen und sprach immer: Alles wird gut! Ich half Wunden zu heilen und hoffte, dass die Mühe es wert war. Dass genug war was ich tat.

Dann malte ich gelb, weil die Welt so dunkel war. Ich tanzte zu Karnevalsmusik im einsamen Büro, fuhr mit Kamelle im Auto durch unsere Straßen und veranstaltete meine eigene persönliche Karnevalsparty, während vereinzelte Kinder am Straßenrand standen und mit mir den Augenblick feierten.

Du 2021 standest immer daneben und hast den Kopf geschüttelt und leise geschmunzelt, ich war es, die dich gestaltet hat. Du hast leise mitgewippt als ich auf die Bühnen stieg und sprach und reiste in fremde Städte und Länder. Auch wenn du meintest: Das wär jetzt nicht dran.

Oh man 2021. du warst so ängstlich, so vorsichtig. Du und ich wir waren ein ziemlich unglaublich ungleiches Paar.

Aber weißt du was. Das ist okay! So ist das manchmal in Beziehung. Manchmal muss einer von beiden mehr tun und manchmal sind die Rollen ganz anders verteilt. 

Am Ende war das Bild aber auch an vielen Stellen tief schwarz. Das war der Moment meiner inneren Wut, die ich dir entgegenschleuderte wegen all diesem „es geht nicht“, „es darf nicht sein“, „abgesagt“ oder „in Quarantäne gepackt“, „Postive Tests“, „long COVID“…

Schwarz malt sich einfach und manchmal wollte ich alles schwärzen. Dann bin ich noch im letzten Moment mit dem schwarzen Pinsel in der Hand einen Schritt zurück getreten und bin auf die Knie gefallen. Nicht weil ich beten wollte, sondern weil ich so traurig und mutlos war. Da hat mir dann jemand den Pinsel aus der Hand genommen und die Hand auf meine Schulter gelegt und mir leise zugeraunt: Es ist okay!

Nach ein paar Minuten schaute ich erneut auf die Leinwand und sah:

Jemand hatte die Farbe rot gewählt, ganz filigran füllte diese letzte Farbe den Rest der Leinwand und vollendete dieses Jahr. Es war die Liebe. So wunderschön! 

Selbst mein schwarz war willkommen neben all den anderen Farben. Die Farbe Rot zog sich durch diese komischen 12 Monate. Mal war sie kräftig, mal ganz zart. Sie war Bewahrung und Mut, Zuversicht und Kraft. Es machte dieses Jahr wirklich besonders.

Liebes 2021, es wäre falsch zu sagen: Du warst es nicht wert oder du bist zum Vergessen. Du bist doch einfach nur ein Jahr wie jedes andere. Nur hat diesmal jemand deine Leinwand besuddelt. Aber du warst farbenfroh und tieftraurig, du warst lähmend und hoffnungsbringend. Ich sage dir: Lebewohl! 

Das nächste Jahr 2022 gibt mir erneut den Pinsel in die Hand. Vielleicht bietet es mir mehr, vielleicht ist es lähmend wie du. Aber ich darf noch die Farben wählen und die Wand gestalten und am Ende hoffen auf jemanden der mir in den traurigen Stunden den Pinsel aus der Hand nimmt und weiter malt und mir dabei zusichert: Ich bin und bleibe da für dich! Du bist nicht allein!!

Weihnachten ist vorbei…

Aber kann es das überhaupt sein?
Ist Weihnachten wieder nur so ein Fest, dem wir gespannt oder angespannt entgegen sehnten, dann ausgiebig oder halt allein feierten und uns dann verabschieden ins neue Jahr, indem wir Lichterketten abhängen und Tannenbäume an die Straße stellen?
Ist Weihnachten doch nur eine von vielen westlichen Traditionen, die die einen hassen und die anderen feiern oder über sich ergehen lassen?
Vielleicht ein Tag, an dem einem im Lichterschein noch bewusster wird als sonst: Ich bin tatsächlich allein.
Und da, wo die Engel den Hirten entgegen raunten: „Fürchte dich nicht,“ bleibt meine Frage: Kann ein Krippenspiel und Tannengrün unsre Furcht vertreiben? Oder eine uralte Geschichte Wunden heilen?
Immer diese Gedanken!
Dabei könnte ich einfach Weihnachten feiern und genießen und dankbar sein für alles was ich habe. Und das bin ich ja auch: Ich liebe Weihnachten mit meiner Familie. Gerade in diesem Jahr haben wir Weihnachten mit den Verwandten mal so besonders gefeiert, dass ich glaube: Es war nie enger und nie weihnachtlicher….
Ich glaub ich habe ein paar Wunder von Bethlehem gesehen und ich war ein Teil davon. Das hält mir Weihnachten noch etwas länger im Herzen.
Wie die Hirten will ich mich weiterhin auf den Weg nach dem Stern machen. Mit dem Glauben, der manchmal nur so klein wie ein Staubkorn ist und sich kläglich an seinen Heiland klammert. Mit der Bitte, zeig mir den Weg zu dir! Zum Stall, zum Wunder. Lass mich weiterwandern deinem Stern entlang, sei du mir genug, wenn andere Sterne locken. Lass mich in dem Kind in der Krippe deine Hoffnung für unsere Welt sehen. Lehre mich, dir zuzuhören, wenn du zu meinem Herzen sprechen möchtest, lass mich mutig sein, deinen Worten zu folgen.
Und dann ist Weihnachten nicht vorbei, dann lebt Weihnachten weiter in mir. Dann sind da nicht immer Antworten auf alles, dann werde ich weiter bockig um diese Welt kämpfen und mich nicht zufrieden geben mit ein paar frommen Antworten. Aber du Gott selbst wirst den Weihnachtsstern vor mir herführen, so groß und strahlend, dass selbst ICH ihn nicht übersehen kann. In dieser Welt, wo wir denken: Es geht nichts mehr! Keine Zeit für Nähe und Halt. Dann wirst du bei mir sein und diese Welt wieder was zurechtrücken und dann werde ich andere treffen, die bereit sind zu gehen und zu geben. Und wir werden gemeinsam Brücken bauen und Menschen an die Hand nehmen.

Dann heilt unsere Welt weiter, weil Weihnachten nicht vorbei ist. Weil Weihnachten heute ist und morgen.

Das ist mein Wunsch für dieses neue Jahr.
Vielleicht hängen wir die überflüssige Weihnachtsdeko ab, aber behalten diesen Zauber im Herzen und bleiben mutig auf dem Weg. Ein bisschen mutiger als bisher, weg vom König Herodes, hin zum Kind – auch und trotz der Angst.

Lichter

Und wenn ich in dieser Adventszeit dem Herzen einmal mehr zuhöre und es klagen lasse. Dann raune ich ihm zu: Ich weiß!
Dann drücke ich ihm einen Kuss auf wunde Stellen, dann knuddel ich es einmal fest und sag: „Aber vergiss die Lichter nicht, die sooft brannten und den Weg wiesen. Dann denk an die Menschen, die da waren und Mut machten. Dann denk an den Segen, den Gott ausgeschüttet hat in deine kleine Welt.“


Und während ich das Licht am Weihnachtsbaum betrachte und dem Herz gnädige Weihnachtsklänge ins Ohr summe, streu ich wie nebenbei leise kleine Mutkörnchen aus. und später essen wir gemeinsam heimelige Hoffnungskekse. Dann klopfe ich mit ihm den Alltagsstaub von seinen Füßen und erwarte Großes, hoffe Schönes!!

Frohe Weihnachten!

2. Advent

Ich war gestern Abend in Köln und bin nachts um 1.00 Uhr mit zwei Kollegen am Rhein spaziert. Da waren Boote beleuchtet und Brücken angestrahlt Als wir weiter Richtung Innenstadt liefen, erstrahlte der Dom. Es war so unendlich schön. Ein Kollege machte ein Foto von diesem Lichtertraum, ein anderer Kollege meinte, das wäre ja kein richtiges Foto sondern so ein Schnappschuss, den man sich eh nie wieder anschauen würde.
Ich hatte mich an diesem Abend bereits leergeredet, hab 5 Weihnachtsmärkte abgeklappert und lecker gegessen. Ich wollte eigentlich jetzt keine Diskussion über Fotos. Aber so ein zwei Gedanken kamen mir dann doch als der Kollege, der das Foto gemacht hat, plötzlich meinte: „Aber es ist so ne Erinnerung, die man hat.“
Ich schaue mir immer wieder gerne Fotos an. – auch immer mal wieder die unendlich vielen Schnappschüsse auf meinem Handy. Sie erinnern mich daran, dass etwas da ist, was ich heute schon vermissen kann, es hält Momente fest und verzaubert den missmutigen Geist in mir, der sagt: Ist alles doof! Diese Schnappschüsse zeigen mir heute:
2021 war kein verlorenes Jahr – selbst Kultur hat stattgefunden und ich durfte ein Teil davon sein, es zeigt: Wir waren Teil vom Ganzen. Es zeigt auch traurige Bilder, wie die letzten Tage meines Papas im Altenheim, seine Beerdigung und das Grab. Sie zeigen auch das was nicht schön war (natürlich nur dann wenn man in irgendeiner Weise dann ein Foto hat), es zeigt ein Stück Leben, das was man oft verdrängt. Rückblick ist das für mich, dankbar sein ist das für mich.
Und es ist auch Argumentationsgrundlage. Wenn mein Herz oder auch andere Leute mir sagen, dass dieses Jahr ja mal wieder so viel abgesagt wurde und wir mal wieder gar nichts machen konnten und das alles doch eine ziemlich trübe Zeit war, dann sage ich: Ja, das stimmt, ABER… und dann erzähl ich was war, was man machen konnte, was gut war und was gestimmt hat.

Ich weiss, dass Menschen auch im letzten Jahr traurige Dinge erlebt haben – das habe ich auch. Aber ich habe auch gutes erlebt und schönes gesehen.

Wichtig ist natürlich auch, dass man Momente für Fotos erschafft und das fordert ein wenig Mut und ein wenig „mehr tun“ als nötig. Nicht alles müssen alle machen. Aber jeder kann etwas tun, damit die Seele auftankt, andere Menschen getragen werden, Kinder sich freuen und diese Welt ein Stück schöner wird.

„Fürchte dich nicht,“ war schon am vergangenen Sonntag ein wichtiger Gedanke für mich und zieht sich so gefühlt durch den Advent 2021. Und dazu kommt noch: Sei und bleibe mutig! Gestalte da, wo du kannst! Lass dich nicht von deiner oder der Angst anderer Menschen treiben. Geh den Weg, den du gehen kannst. Behaltet einander im Auge, im Arm und im Sinn.
Gott segne dich dabei! Gerade heute am zweiten Advent, aber auch an jedem weiteren Tag.
Erschaffe gute Momente, die mindestens auf ein Foto deiner Handykamera passen und die du hervorkramen kannst, wenn dein Herz wieder nicht glauben will, dass Gott es gut mit dir meint.
Ich wüsche dir eine von Mut geprägte Adventszeit!