Sankt Martin

Miteinander Lasten tragen
die nicht immer eigne sind,
ein Gebet zum Himmel werfen,
für den Nächsten, der nicht spricht.

In die Arme nehmen, halten,
länger bleiben als gewählt,
und dabei den anderen tragen
ihn und seine kleine Welt.

Nur wer Stärke eines Schöpfers 
tief in seinem Herzen trägt,
kann die schwachen Menschen halten,
auch wenn scheinbar gar nichts hält.

Solange diese Welt zerbricht,
leben hier zerbrochne Menschen,
die verlorne Träume träumen
und die Schönheit nicht mehr sehn.

Ich könnte einfach weitergehen
und nur genießen, was ich hab,
doch stattdessen will ich schauen
ob diese Welt mich nötig hat.

Wie Sankt Martin will ich hier
meinen Teil des Mantels teilen
will innehalten, kurz verweilen,
so dass womöglich Wunden heilen.

Will drinne sein in der Geschichte,
Teil davon in dieser Zeit,
denn jeder braucht die Nähe von Sankt Martin
auch einmal hier von Zeit zu Zeit!

Wenn das Herz boxt

„Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“(Epheser 4,26) Ich war diese Woche so ziemlich zornig, wütend und rebellisch.
Ich konnte nicht begreifen, dass die nächsten Einschränkungen die Leute treffen, die die ganze Zeit Teil der Lösung sein wollten. Gedacht habe ich zum Beispiel an alle Kneipen, Restaurants und Kulturschaffenden, die so sehr investiert haben um auch trotz dem Virus arbeiten zu können. Und nun ist deren „Laden“ einfach mal wieder dicht. 🤷‍♀️
Ich bin immer wieder wütend, wenn ich das Gefühl habe: Hier läuft etwas verdammt unfair ab! Und dann lese ich in der Bibel, dass dann, wenn man zornig ist, man sich nicht dabei versündigen sollte.
Gott kommt klar mit meiner Wut und dem Zorn. Er schiebt nur etwas hinterher: Versündige dich nicht in deinem Zorn. Tu den anderen nicht weh, wenn du wütend wirst und Ungerechtigkeit kaum aushalten kannst. Werd nicht unfair – auch wenn du denkst, dass du im Recht bist. Mach den anderen nicht platt mit Worten und Taten. Bleib respektvoll in deinen Äußerung (besonders in den sozialen Netzwerken) und beleidige niemanden. Klär Dinge mir dir und wo es geht auch mit anderen. Sünde ist immer scheisse. Sie trennt vom Schöpfer und lässt uns bitter werden. Und das ist das letzte was ich will!!
Ich wünsche uns ein miteinander und weiter gehen. Ungerechtigkeit ansprechen und wo wir es können klar Stellung beziehen und für das gute kämpfen. Aber lasst uns doch bitte nicht die Achtung voreinander verlieren! Lasst uns kämpfen und den Mund aufmachen. Man muss nicht alles mit sich machen lassen. Aber lasst uns doch einander besonders mit Respekt und Achtung beschenken. Das kann man auch, wenn man wütend ist. Das kann man auch, wenn man nicht alles mittragen will.
Ich will das lernen – mehr und mehr! Gerade jetzt in dieser Zeit, wo das Herz boxt und die Seele nicht so ganz zur Ruhe kommen will. Gott gebe mir diese Kraft! Bei ihm komm ich zur Ruhe!!Bleibt behütet und startet mutig in diese neue Woche!!

Mit Enttäuschungen umgehen

Hier kommt der Artikel, den ich für Burningheartsreport geschrieben habe: https://burningheartreports.blogspot.com/2020/10/thema-des-monats-mit-enttauschungen.html?m=1&fbclid=IwAR1TdcC4Ird5cTAhrZNwK98KZ7K0BbcfPRuza7ZTc3DJ-6U81ySoynFbcvg

Meine Freundin meinte letztens: „Wenn ich den Führerschein mache, werde ich dir erst davon erzählen, wenn ich ihn geschafft habe.“ Ich bin irritiert: „Warum?“
„Naja,“ meint sie, „ vielleicht schaffe ich es nicht und dann bist du enttäuscht von mir.“
Ich schaue sie an: „Und du möchtest nicht enttäuschen, richtig?“ Ist meine Schlussfolgerung. „Genau,“ beschliesst sie das kurze Gespräch,“ ich möchte niemanden enttäuschen.“

Das kenne ich. Auch ich habe hohe Erwartungen an mich selber und möchte dieses Ideal aufrecht erhalten. Ich stelle mich gerne in gutem Licht da, kehre eher nach Aussen was ok und liebenswürdig ist, will ablenken von dem Dunklen und dem „Nicht-Können“, „nichts fertig-bringen“, „zu hoch stapeln“ und „alles-schaffen-wollen“.
Will ablenken von meiner Müdigkeit, meiner Menschenfurcht, meiner niedrigen Frustrationsgrenze, meinen Ängsten und gut behüteten und gesellschaftsfähigen Traumata. 

Ich will gerne, dass die Menschen um mich herum gut finden was ich tue. Deshalb erzähl ich lieber selten mehr von den Dingen, die ich schaffen will. Denn dann kommt ja vielleicht bald raus, dass es mir schwer fällt, mich auf Dinge zu konzentrieren, oder dass ich mehr davon spreche etwas zu tun als es wirklich anzupacken. Und wenn die Menschen dann mein wahres ICH sehen, werden sie ihr Urteil über mich sprechen. Oder sie werden einfach total enttäuscht sein. Ich weiss gerade nicht was schwieriger auszuhalten ist.

ENT – TÄUSCHEN ist aber eigentlich gar nicht so negativ

Das Wort vor dem wir uns doch oft panisch fürchten, ist eigentlich ein gewinnbringendes Wort:
Heisst es ja soviel wie: Raus aus der Täuschung.
Es bedeutet, dass ich lange einer Täuschung erlegen war, dass ich länger mehr erwartet habe als da war. Dann plötzlich kommt das AHA – Erlebnis und ich muss nicht weiter in einer Täuschung leben. Meine Erwartungen, an denen ich so lange festgehalten habe, sind nicht die Realität.
Und auch wenn Enttäuschung uns befreien sollte. Man erlebt es eher so:
Bäääms! Die Blase ist zerplatzt. Wir sind zurück auf dem Boden der Tatsache gefährlich hart aufgekommen. Der andere ist nicht so gut wie ich dachte, nicht so perfekt, nicht so gütig, nicht so liebevoll und nicht und niemals mehr vertrauenswürdig.
Das kann erstmal ein emotionaler großer Crash sein. Es fühlt sich nach Verlust an. Es ist wie ein bitteres Erwachen, das nicht erbeten wurde. Damit muss ich klar kommen und leben. Das muss ich mit einbeziehen in mein Leben und meine Beziehung. Ich muss mich von einer perfekten Welt verabschieden.

Enttäuschungen sind schmerzvoll. Sie zeigen mir, der andere stirbt gerade an meinen Erwartungen. Er ist nicht das, was ich in ihm sehen wollte, er ist menschlicher als ich vertragen kann, er ist nicht nach meinem Bild geformt.

Da habe ich an die wahre Liebe geglaubt und plötzlich nach Jahren festgestellt, dass ich da wohl mehr geglaubt habe als der andere. Da war ich loyal und ehrlich und ernte stattdessen plötzlich Lüge und Hinterrücksgeschwätz. Wenn ich von jemandem enttäuscht bin, rückt das mein Bild von ihm wieder zurecht. Es stirbt aber auch ein Wunschbild. Und ich muss mich damit auseinander setzen. Manchmal lebe ich ganz gerne in einer von mir selbst zusammengebastelten Traumwelt.

Ich bin ein zutiefst emotionaler Mensch.
Ich erleide Enttäuschungen erst einmal mit aller dazugehörigen Dramatik und ziehe mich dann gerne in mich zurück. Das ist mein persönlicher Trauerprozess, der gerade bei Enttäuschungen von Menschen, die mir sehr viel bedeuten, für mich dazu gehört. In diesem Prozess zerdenke ich erst einmal alles: Warum waren meine Erwartungen so hoch? Wie konnte ich mich so täuschen? Der emotionale Schmerz, der das Herz zerfressen will und der mich bitter machen möchte, ist der größte Feind in all dem. Denn, wenn ich nach Enttäuschungen nicht wieder bereit bin zu lieben, wenn ich mich nicht mehr verletzlich zeigen will, nicht mehr auf andere Menschen bauen will, dann verliere ich ein Stück vom Zauber des Lebens.
Und doch dauert es oft lange bis Vertrauen wieder heilt, bis Menschen wieder nah an mich ran dürfen-  gerade die, die soeben enttäuscht haben.
Tatsächlich  hilft es mir, bei all dem Umgang mit Enttäuschungen meinen Blick auf Jesus zu richten, weil er mir in all dem Wirrwarr von Enttäuschungen erstmal wieder Friede schenken kann. 

Etwas was ich durch Enttäuschung leider auch schnell verliere.
Der Frieden kippt, wenn ich dumpf auf dem Boden der Tatsachen angekommen bin, es rüttelt an meiner Vorstellung vom Leben, meinen Erwartungen an den anderen und meinem Vertrauen. Wie begegne ich dem anderen nach all dem? Wie gehe ich in Zukunft mit ihm um? Was kann ich noch glauben?
Das macht mich unruhig und zwingt mich zum Dauerfunktionieren, es scheint mir Leichtigkeit und Freude zu nehmen. Und es klaut den Frieden, den ich sonst mit dieser Welt habe.
Jesus hat mir mal gesagt: Meinen Frieden gebe ich euch! (Joh. 14,27-die Bibel). Darauf stelle ich mich, das will ich. Das sag ich Jesus. Ohne diesen Frieden mach ich nicht weiter!

Denn bei all den Dingen, die ich in Beziehungen kläre, bei all dem was menschlicher ist als ich es möchte, bei all den Enttäuschungen, die einen großen Kraftakt fordern, tut es gut bei Jesus auszuruhen. Ihm sagen zu können:
„Hier! Deine Welt! Hilf mir an den richtigen Stellen wieder Vertrauen aufzubauen. Gib mir gute Freundschaften, hilf mir Erwartungen an andere nicht so immens hoch zu hängen. Lass mich über all dies nicht bitter werden.“

Und vielleicht lehrt es mich auch, dass ich Beziehungen so mit gestalte, dass die hohen Erwartungen aneinander NICHT Maß aller Dinge sind.
Und vielleicht werden dann Enttäuschungen seltener und nicht mehr so dramatisch, weil ich lerne mich nicht mehr so schnell auf Täuschungen einzulassen. Und den anderen auch in seiner Unvollkommenheit und Schwäche stehen lassen zu können. Und ihn trotzdem von Herzen zu mögen!

Stolpern auf neuen Wegen

Gemeinsam bei JUCA Beach

„Ach jetzt wäre Kirmes,“ geistert es durch die sozialen Medien und ich denke mir: Stimmt, das wäre jetzt. Aber Dank #KackCorona „gehts nicht“ und „gibts nicht“. Der Kloß im Hals wird wieder etwas größer – wie so oft in diesem Jahr. Wieviele schöne Aktionen durften nicht stattfinden. Wie oft habe ich schon gesagt: „Ach jetzt wäre…“
Ach jetzt wären wir auf Schultour mit dem JUCA
https://angiefrowein.de/2019/07/02/hellwach-fuer-den-naechsten/.

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Schultour 2020 – Saymo von http://jacksayfree.com


Doch im Mai war leider keine Schule auf, und daher saßen auch wir vom JUCA in unserem Mini-Lockdown – nicht zu vergleichen mit dem, was man in Spanien und Italien nicht durfte. Aber die persönliche Entbehrung scheint ja meist doch die Schlimmste.

Und so schlendere ich missmutig durch dieses Jahr 2020. Könnte heulen und fluchen, schimpfen und zagen, verschwören und rebellieren.
Ja das alles könnte ich und manchmal tu ich es auch.

Und dann kommt mir noch ein anderer Gedanke. Was, wenn ich aus diesem wirren 2020 gestärkt herauskommen könnte. Was, wenn diese Pandemie mich nicht niederdrückt sondern nach vorne bringt. Was, wenn es nicht darum geht, Altem nachzutrauern, sondern Neues zu wagen.
Es gibt keine Kirmes? Dann lasst uns eine andere Veranstaltung machen.
Und das haben wir gemacht. An zwei Abenden in den letzten zwei Monaten fand „JUCA Beach“ auf dem Marktplatz vor dem JUCA (http://www.your-juca.de) statt.  Es war nicht so groß wie die Kirmes, (es gab auch kein Riesenrad :-)) es war definitiv anstrengender als die Kirmes. Aber es war besonders. Ein kleines Fest abgestimmt auf das was gerade sein durfte.
300 Personen durften hin – 100-200 Personen waren da.
Ein Hygienekonzept entwickeln, danach handeln und dafür zu sorgen, dass auch andere es tun: Man müsste es nicht machen.
Man könnte das Jahr auch einfach abwarten und schauen, was so im nächsten Jahr möglich ist. Das wäre vielleicht voll vernünftig. Aber wenn die Seele sich aufbäumt, geht es manchmal nicht so vernünftig im eigenen Herzen zu.

Ich liebe Gemeinschaft und Umarmungen. Es tut mir gut, mit anderen zusammen zu sein.
Wie sehr freue ich mich, neue Menschen kennenzulernen. Wie sehr geht mir Musik zu Herzen. Und so tue ich, was ich darf im gesteckten Rahmen. Und das ist tatsächlich schon ne ganze Menge. Und weil ich so beschäftigt bin in diesem Rahmen zu agieren, komme ich mir gar nicht mehr so eingesperrt und eingeschränkt vor.
Und ich nehme in Kauf, dass alles anstrengender geworden ist. Überall muss man sich registrieren und die Maske darf man nicht vergessen. Kellner werden unfreundlich, wenn du deren Hygienekonzept nicht direkt verstehst oder Dinge vergisst. Vieles ist einfach umständlicher geworden. Vieles bräuchte ich einfach nicht. Aber ich tu es trotzdem. Ich gehe essen, ich treffe Menschen, ich nehme in den Arm wo es mal wieder dringend nötig ist.
Und ich erwache aus meinem Dornröschenschlaf.
Aus diesem: „Ich will aber das zurück, was ich kenne!“ hebe ich trotzig den Blick zum Himmel und frage Gott, ob er mir nicht was von seiner Hoffnung gibt. Einer Hoffnung, die nicht von den Umständen abhängig ist. Und ich merke, dass ich einfach einmal los laufen muss in dieser Zeit! Dass ich mich aus Starre und Traurigkeit befreien lassen muss, und dass ich Fehler machen darf. Dass ich zweifeln darf, dass ich alles in die Ecke schmeissen darf.

JUCA Beach 2o2o

Aber das Gott mir auch zusagt: Diese Pandemie wirft mich nicht vom Thron: Geh los, sonst fehlt was in dieser Welt!
Und somit werfe ich der Kirmes, der Schultour, all den Festen und Feiern einen feierlichen Kuss zu, halte es wie Marie Kondo und bedanke mich für die gute Zeit. Und dann, dann lass ich los und schaue was neu rein passt in die Zeit.
Vielleicht kommt Altes wieder. Das wäre schön, denn das ist es, was ich kenne. Und wenn nicht, dann wird besseres kommen oder anderes oder wunderbares. Ich laufe los und freu mich über jeden der mit stolpert auf einem neuen Weg!

Corona spricht: Fürchte dich!

Noch nie hatte ich eine Überschrift fertig, bevor ich meinen Text geschrieben hatte. Aber diesmal bewegte mich die Überschrift die ganze Woche schon. Als mehr und mehr die Geschäfte, Treffpunkte und all das soziale Leben um mich herum schloss und mich mehr und mehr betraf, knallte der obige Satz immer heftiger an die Tore meines Herzens.

Ich reagierte zuerst mit Verweigerung. Ich nahm diese neue Situation einfach mal nicht an. Corona ist irgendwo, aber es ist nicht so schlimm wie alle sagen. Jeder vernünftige Gedanke darüber, wurde an Seite gedrängt und ich weigerte mich, diese neue Situation anzunehmen. Das ist leider eine antrainierte Gewohnheit, mit schweren Dingen im Leben klar zu kommen. Klappt auch immer eine Zeitlang- bis es mich dann irgendwann einholt und zu Boden drückt.
Und dann lieg ich da, erdrückt von der Furcht! Je länger die Woche andauerte, um so bedrohlicher wurde die Furcht! Ich konnte nicht dagegen ankommen. Sie hatte mein ganzes Herz ergriffen. Ich ertappte mich, dass ich wie wild in Facebook nach Antworten suchte, nach Informationen, nach Wegweisung. Ich fand … noch mehr Furcht und ganz viel anderes. Hilfsangebote, blöde Kommentare, Hass, Unsinn und niederschmetternde Nachrichten. Abends lag ich da wie ein Häufchen Elend und Tränen untermalten meine Versuche, mich selbst zu retten. Ich war wie gelähmt- unfähig auch nur eine Zeile zu schreiben oder Chancen in dem Chaos zu sehen. Ich war selbst zum Helfen zu machtlos- bekam nur kläglich hin was getan werden musste. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt.
Mein Mann schaute mich eines Abends an und sagte: „Du hast doch schon so viel mit Gott erlebt. Warum hast du jetzt so Angst.“ Ich konnte es nicht sagen. Die größte Furcht lag vielleicht einfach in dieser Unberechenbarkeit der Situation. Würde alles gut? Würde ich meine Freunde und meine Familie (die nicht in diesem Haushalt lebten) wieder in den Arm nehmen? Wann wäre dieser Spuk, diese Einschränkung, dieses „Nicht weiter wissen“ vorbei.

Ich versuchte, mich zu beruhigen, aber die Furcht blieb.
Jetzt habe ich das Glück, dass ich die Menschen, mit denen man mich in die Isoliertheit gepackt hat, wirklich mag. Ich bin gerne mit meiner Familie zusammen und auch der Unterricht, den ich mit meinem 7 Jährigen habe, macht tatsächlich Spass! Mal mehr und mal weniger. Aber wenn es mal nicht so klappt, dann wird halt mehr gespielt als gelernt. Er wird das Lesen nicht von einem auf den anderen Tag verlernen!
Hier wo ich bin, fühle ich mich geborgen. Hier bin ich geliebt und getragen.
Auch muss ich mich nicht mit der Angst herumschlagen, in kurzer Zeit ohne Job da zu stehen oder nicht zu wissen wo ich das Geld für die nächste Miete herbekomme. All das waren und sind nicht meine Sorgen. Und das ist ein Geschenk.

Aber was mich lähmte, war zu sehen, für wieviele Menschen in meinem Umfeld das nicht gilt. Ich habe Freunde im Veranstaltungsbereich, in Hotels, im Einzelhandel. Die Unfähigkeit, so wenig helfen zu können, war und ist furchtbar. Meine Freunde, die als Musiker ihr Geld verdienen und die nun ohne Einkommen da stehen – ein weiterer Punkt zum verzweifeln. Ich weiss, dass es für manche Familien eine große Herausforderung ist, ihre Kinder zu betreuen aber irgendwie auch arbeiten gehen zu müssen und bei all dem bitte nicht völlig wahnsinnig zu werden.
Und manche Jugendlichen sind ja schon zu normalen Zeiten nicht gerne zu Hause. Wir kümmern uns ja nicht grundlos im offenen Jugendtreff um Möglichkeiten, jungen Menschen einen Treffpunkt ausserhalb ihres „Zuhauses“ zu bieten. Situationen sind manchmal echt schwierig und lassen sich nicht einfach mit „Schimpfen auf Corona Parties“ entfernen. Da ist das eigene Leid zu Hause halt näher und schlimmer als die weltweite Corona Krise. Für viele undenkbar, für andere bittere Realität.

Einer liess sich in den letzten Wochen nicht einsperren: Der Frühling! Und er lachte mir jeden Morgen zu und ich nahm die Einladung an: Täglich nahm ich mir die Zeit eine Runde joggen zu gehen. Ich genoss die Einsamkeit verlassener Wege, die Stille des Walds, das einfache Laufen.
Ich brauche keine Laufgruppen – das muss mir keiner auferlegen. Ich laufe gerne allein. Hier kann ich nachdenken und Mark Forster untermalt meine Schritte- und nur ihn „brauche“ ich bei meinem Lauf. Das ist für mich Freiheit, die ich mir erhalte und die ich nun mehr habe als je zuvor.

Wenn ich am Ende meiner „Laufrunde“ angelangt bin, liegt immer ein sehr steiler Berg vor mir. Am Ende meiner Kräfte ist dieses letzte Stück immer besonders herausfordernd. Ich schaffe es nur, wenn ich nicht nach vorne schaue, wenn ich nicht weit bis zum Ende des Weges blicke. Wenn ich auf den Asphalt vor mir schaue, dann bleib ich am Laufen. Wenn ich nach vorne blicke, verlässt mich alle Kraft und ich gehe den Rest des Weges mit langsamen Schritten und gebe auf. Dabei bin ich vorher schon etliche Kilometer gelaufen. Aber bei dem Berg, der dann vor mir ist, interessiert es meinen Körper reichlich wenig was ich schon geschafft habe. Der Berg ist lang und bedrohlich und er raunt mir zu: DAS schaffst du nicht mehr. Dafür reicht die Kraft nicht. Das ist zu weit, zu schwer.

So wie die Furcht das die ganze Woche getan hat: Du schaffst das alles nicht. Sieh den Berg. Egal was hinter dir liegt. Sieh dir an. Es ist zu groß und zu mächtig!

Heute kam mir ein Vers der Bibel in den Sinn:
Sorgt euch also nicht um das, was morgen sein wird! Denn der Tag morgen wird für sich selbst sorgen. Die Plagen von heute sind für heute genug! (Matthäus 6,34)

Wenn ich in die Ungewissheit weit vor mich sehe, kann ich verzweifeln und alle Kraft einbüßen – konzentriere ich mich aber auf diesen Moment, schaffe ich den nächsten Schritt.
Das Morgen kann ich eh nicht bestimmen, aber den Schritt, der vor mir liegt, den schaffe ich auch dann, wenn nicht mehr viel Kraft in mir steckt.

Ich möchte als Christ etwas von dem weitergeben, was ich mit Gott erlebe und was ich von ihm gelernt habe. Nur durch ihn bin ich, wo ich heute stehe. Diese Woche hat mich gelehrt, dass ich mich nicht auf das verlassen kann, was ich gestern mit Gott erlebt habe, sondern dass mein Herz auch heute erfahren muss, dass Gott tatsächlich noch die Kontrolle hat und er vertrauenswürdig und gut ist. Nicht nur in meinem Leben sondern auch in dem Leben der Menschen um mich herum. Egal was gerade vor ihnen liegt!
Die vergangene Woche – und es war eine harte Woche- hat mir ebenfalls gezeigt, wie sehr die Worte der Bibel wirklich mein Herz berühren. Dass es hilft, mal Nachrichten und Facebook Beiträge zu fasten (ich wünschte DAS wäre einfach) und sich mehr damit auseinander zu setzen, was dem Herzen gut tut. Ein Gebet, eine Predigt, gute Gespräche und Zeit als Familie, Spielen mit den Kindern, ein Anruf, eine ermutigende SMS, Nachfragen bei Freunden wie es gerade geht, ehrlich sein mit dem was einen selber bewegt und aussprechen was man gerade braucht – auch im engen Kreis der Familie. Zusammensein so die ganze Zeit hat seine Herausforderungen – für jeden in der Familie. Reden hilft – hab ich mal gehört 😉

Es wird eine Zeit nach Corona geben und unsere Gesellschaft wird dann eine andere sein. Vielleicht ein bisschen geheilter, warmherziger – vielleicht! Aber bis dahin gilt es, dass unsere Herzen nicht an der Furcht verkümmern. Vielleicht gilt das gerade besonders für die Menschen, die zu viel mitfühlen, die zu viel lieben, die eine offene Gesellschaft mögen, die andere gerne in die Arme nehmen und Gemeinschaft besser Face to Face leben können als beim Live Stream vor dem PC.
Ich bin froh einen gnädigen und mächtigen Gott zu kennen, der dann, wenn wir zu ihm kommen, einen Arm und einen weiteren Arm um uns legt und uns all das gibt, was wir gerade so schmerzlich vermissen: Freiheit, Nähe, Sicherheit und Hoffnung. Auf jeden Fall Hoffnung!

In diesem Sinne:
Gott spricht: Fürchte dich nicht! (Jesaja 43,1)

Ich muss das buchstabieren für mich, für meinen Alltag, für die Haltung in der Gesellschaft! Jeden Tag mehr! Das wünsche ich dir auch! Verlier nicht den Halt! Und wenn du reden willst, meld dich…

„Gute Nacht“ Heilige Nacht

Das letzte Weihnachtsfest gefeiert und alle verbliebenen Geschenke ausgepackt. Strahlende Kinderaugen gähnen langsam und sagen „gute Nacht“.

Jetzt heißt es, Weihnachten „Good Bye“ zu sagen. „Tschüss“ und „auf Wiedersehen bis nächstes Jahr!“
Doch ich bewahr mir noch ein wenig den weihnachtlichen Glanz, die Stille und den Wahnsinn, das Feiern und Menschen treffen, mit Familie zusammen sitzen und definitiv zu viel essen.
Der Baum bleibt noch etwas und die Krippe auch. Das Jesuskind liegt unbeteiligt in Heu aus Plastik.
Happy Birthday dir mein König! Du bist auch morgen noch der Grund für mein persönliches Weihnachtsfest. Ich feiere dich, weil dein Glanz mein Leben immer noch erhellt. Weil du morgen noch derjenige bist, der zu mir kommt und mich an die Hand nimmt. Auch 2020 ist mir deine Hilfe gewiss, bist du der Sinn, aufzustehen. Bist du die Kraft und Grund für Heldentaten. Worte beschreiben so schlecht deine Präsenz in meinem Leben! Manches verstehe ich noch nicht. Vieles sehe ich erst im Himmel klar. Doch ich gebe dir mein Vertrauen, dass du es Wert bist, mein Leben zu führen! Auch dann, wenn ich falle. Oder nicht mehr weiß, oder Lasten schwer werden.
Danke, dass du weit mehr bist als eine heißgeliebte Wintertradition. Dass aus dem Kind mein Heiland wurde. Und dass du mehr kannst, als ich mir je zu hoffen wage.

Ich sage „gute Nacht“ zu Weihnachten und „guten Morgen“ zu einem neuen Tag, wo du mich weiter führen wirst. Wo du mich kleidest in Würde trotz meiner Schwäche. Und wo Hoffnung mehr ist als ein leergeredetes Wort. Trotzig erhebe ich dich! Denn ich werde schon noch sehen wozu du fähig bist! Was deine Liebe bewirkt in mir und durch mich. Danke für neue Kapitel, die geschrieben werden. Danke für jeden neuen Tag!

Mal wieder an der Krippe sitzen

Advent als Vorbereitung auf die Ankunft von Jesus in dieser Welt, erschien mir dieses Jahr eher wie ein zu schnell fahrender Zug, der mich an allen besinnlichen Vorweihnachtsmomenten vorbei jagte.
Ich wollte alles gut machen, Dinge in den Griff bekommen, gute Beziehungen pflegen, auf mich acht geben und mir Zeit nehmen. Und das am besten alles noch VOR Weihnachten. Denn dafür ist der Advent doch da. Zum langsam werden und inne halten. Staunen über das Licht, das in die Welt kommt, um diese Welt einmal mehr zu erlösen.

Jetzt am frühen Morgen des Heiligen Abend will ich bedauern und mich beklagen über mich und meine rastlosen Gedanken. Übers nicht geschafft haben und gescheitert sein an meinen doch so hohen Erwartungen.

Und doch setz ich mich stattdessen kurz zur Krippe und blicke in die Augen des Jesuskind. Da ist keine Verurteilung und kein Tadel, kein „hättest du doch“ und „ warum kannst du nicht anders sein“.

Auch wenn meine nie ruhen wollenden Gedanken das einfach nicht kapieren wollen, geht es an Weihnachten doch um einen Gott, der als kleines Kind in diese Welt kam. So schutzlos und so winzig. Und das war sein Plan – es gab keinen Plan B!
Fast schon lächerlich wirkt dies für einen Gott, der doch eine ganze Welt geschaffen hat. Und was tut er hier? Er schickt ein Baby, ein Kind das lernen muss, das abhängig ist von Fürsorge. Und doch hat dieses Kind die Welt so sehr aus den Angeln gehoben, dass ich gerettet bin für immer. Das macht doch keinen Sinn!!

…. Und Gott hatte einen Plan und sein Plan war gut!

In jedem Moment – auch dann, als es nicht danach aussah. Als jeder Plan sinnvoller erschien, als eine stinkige Geburt in einem abgeranzten Stall. Er hätte alles anders machen können. Königlicher, würdevoller. Schneller und perfekter! Hat er aber nicht. Er nutzt das menschliche, das unvollkommene, das lernende, das was wir einfach nicht verstehen können. Und das passte in seinen Plan. Nein- das WAR sein Plan 🤷‍♀️!

Und das macht mir Mut, an dieser Geschichte dran zu bleiben, auch wenn es definitiv nicht in mein Denken passt:

Gott ist nicht abhängig von meinen perfekten Vorbereitungen oder all den umgesetzten guten Vorsätzen. Er ist da als Vater, als Friedefürst und Retter. Er kommt klar mit meinen Zweifeln und meinen Nöten, mit verworrenen Zeitplänen und verbockten Beziehungen. Er hat offene Arme und sagt: Nimm Platz an meiner Krippe, sei Teil einer komischen Geschichte, die so keinen Sinn zu haben scheint. Er feiert mit mir Advent und Weihnachten in den Momenten, in denen ich mich am wenigsten würdig dafür empfinde. Denn er ist Gott, der diese Welt erschaffen hat. Er ist fähig mich zu retten. Trotz meiner Geschichte und meinen Rückschlägen. Er packt rein in meine einzigartig schräge Welt.

Bevor ich heute schlafen gehe, denke ich an Gott, wie er sich aufmachte, Menschen wie mich zu retten, aufzubauen und neu zu befähigen. An seiner Hand kann ich Dinge besser machen und Advent jeden Tag meines Lebens neu versuchen zu feiern. Ohne zu hoch gesetzte Ziele und überstrapazierten Perfektionismus- einfach als Kind an der Hand seines Vaters, stolpernd und kläglich und doch geliebt für immer!
Wenn ich dies mehr und mehr begreifen könnte, vielleicht würde ich dann öfter an der Krippe sitzen. Mit dankbarem Herzen. Dankbar, dass er mich gemeint hat, als er sagte:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren… (Lukas 2,10)



Du warst schon immer gut zu mir…

Jesus, du warst schon immer gut zu mir.
Leben nicht – du aber schon.
Und manchmal tut es gut, all die wertvollen und längst vergangenen Momente mir dir wieder hervorzuholen.
Dann muss ich mich erinnern an deine Macht, weil die Machtlosigkeit in meinem Leben Überhand zu nehmen scheint,
muss mir deine Wunder wieder vor Augen führen,
weil oft soviel alltäglich wird und nicht mehr glänzen will.
Weil ich manchmal aufhöre, Luftschlösser zu bauen und mit dir auf dem Wasser zu tanzen.
Ich will mich erinnern, dass du mir damals begegnet bist und ich dich im kindlichen Glauben, so völlig naiv, eingeladen habe, Herr meines Lebens zu sein.
Mein Leben mit dir lag wie ein weisses Blatt vor mir: Einladend und spannend. Ich war so voller Freude und Begeisterung. Wollte allen erzählen, was du in meinem Leben tatest – und fand in all dem Gestammel kaum die richtigen Worte.
Ich liebte dein Wort. Mich musste niemand überzeugen, die Bibel zu lesen. Das wollte ich ja unbedingt. Von dir lernen und dir im Gebet etwas von mir erzählen, dich mit Lobpreis ehren und stille sein in Ehrfurcht vor dir. Das erfüllte mein Leben mit einer so tiefen Gewissheit geliebt zu sein.
Du warst immer gut zu mir…
Aber das Leben zeigte mir, dass ich noch nicht im Paradies angekommen war. Ich litt an Trennung im Elternhaus, eigener Dunkelheit, Krankheit und Tod um mich herum. Irgendwie wusste ich trotzdem tief in mir, dass du da warst und dass du mich halten würdest. Auch dann, wenn vieles um mich herum einfach so zerbrach und ich nichts dagegen tun konnte.

Ich hatte diese Gewissheit von Anfang an. Jesus, an dir habe ich nicht gezweifelt. Dir habe ich irgendwie nie die Schuld an meinem Scheitern oder den Fehlern der Menschen um mich herum gegeben. Aber traurig war ich oft, wenn du nicht eingriffst oder, wenn Dinge sich nicht ändern wollten. Menschen haben enttäuscht … und das Leben. Manchmal hat das Leben sehr enttäuscht!

Ich erinnere mich gerne an das, was du in meinem Leben getan hast um nicht den Fokus zu verlieren. Wenn es dunkel um und in mir ist, dann will ich trotzig den Kopf heben und deine Wahrheiten in die Dunkelheit hinaus schreien. Dann will ich nicht den Zweifeln das letzte Wort geben, auch wenn sie manchmal penetrant und laut sein können. Auch dann, wenn die Schwere sich breit machen will, dann wenn Unverständnis da ist. Ich will zu dir kommen, wieder und wieder..

Wenn der Morgen beginnt und noch alles in herrlicher Stille da liegt, dann suche ich ganz bewusst nach Gottes Nähe. Dann halte ich Inne und lass mir etwas von seiner Wahrheit ins Ohr flüstern.

Ich will glauben, dass du alles was du angefangen hast, zu Ende bringst und dass du mein Leben in deiner Hand hältst. DU warst immer gut zu mir. Was du getan hast übersteigt mein Denken. Daran will ich mich halten – und nicht an das was nichts erzählt von deiner Macht. Aufschauen will ich zu dir oder einfach nur kriechen und stammeln und hoffen, dass du mein Herz, dass *“Heilung sucht“ und meine Seele, die *“einen Freund braucht“, nach Hause holst. Ganz nah an dein Herz -da wo es immer schon hingehörte

*aus dem Lied von Cody Carney „I run to the father“
https://youtu.be/eE1OSZrsnaY

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Und plötzlich fing er an zu singen …

Heute war ich auf einem Geburtstag. Um mich herum: Alte Menschen.
Die meisten irgendwie krank und vom Leben gezeichnet. Krebs, Demenz und andere „Alterserscheinungen“ waren Thema und ich als völlig (Gott sei Dank) Ahnungslose, die zwar Menschen kannte, die krank waren, aber selber so völlig aktiv im Leben stand, hörte den Geschichten um mich herum zu. Wer da so wie krank war und, dass der und die ja schon gestorben waren.
Die Stimmung war aber gar nicht niedergeschlagen, sondern irgendwie recht sachlich, pragmatisch. So als erzählte man sich in einer Kleingruppe über die unabänderliche Schwere des Altwerdens und nahm es als einen Teil des Lebens hin – der einfach dazu gehörte. Und plötzlich fragte ein älterer Herr, der schon die ganze Zeit recht viel geredet hatte, die Geburtstagsoma, welches Lied sie sich denn wünschen würde. Nachdem diese zwei mal nicht genau verstand was er wollte, nannte sie ein Lied und ich dachte schon, dass er wissen wollte, welches Lied sie sich für ihre Beerdigung wünschen würde. Das fand ich dann doch etwas makaber- hätte aber in den Gesamtkontext gepasst.
Aber entweder wollte er jetzt für die Beerdigung üben oder es ging wirklich um ein Geburtstagsständchen… denn plötzlich fing er an zu singen. Und alle am Tisch sangen mit, ausser mir. Denn das Lied kannte ich nicht.
Es war ein altes Kirchenlied und es handelte von Jesus, der trägt und hält. Als alle so sangen und versuchten, die einzelnen Strophen zusammen zu bekommen, spürte ich einen unheimlichen Frieden, der diesen Raum schier durchflutete. Jeder dieser alten Leute war zutiefst gläubig und mit manchen hatte ich schon in der Vergangenheit hitzige Diskussionen über Gemeinde, Glaube und Jesus geführt. (Ja, meine Liebe zur Diskussion macht auch vor alten Leuten nicht halt… und ich kann sehr hartnäckig sein – die aber auch). Und so spürte ich, wie der Glaube an Gott uns in diesem Moment vereinte. Trotz unterschiedlicher Ansichten und Traditionen. Trotz jugendlichem Besserwissen und Altersstarrsinn. Trotz eigenen Vorstellungen und Befindlichkeiten.

Wenn ich mal alt bin, will ich diese Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott auch immer noch haben. Wie diese Geburtstagsgruppe. Dann will ich auch Lieder auf meinem Geburtstag singen. Lieder, die mir weiter Mut machen und mir von Gottes Liebe erzählen. Einer Liebe, die nie kaputtgeht, nie weggeht, und immer gleich stark ist.
Wenn ich am Ende mit meinen alten gebrechlichen Freunden und Weggefährten an einem Tisch einer bergischen Kaffeetafel sitze und mein Mann mir vielleicht die runzelige Stirn glatt streicht, weil meine Sorgenfalten einfach nie verschwinden wollen, dann will ich nicht meckern und motzen und klagen und weinen. Ich will ein Lied anstimmen und den Löffel vom Nachtisch behalten, weil ich weiss, das beste kommt noch… Und es bleibt – eine ganze Ewigkeit!

Und plötzlich bist du Schulkind …

Ich bin kein Freund von Abschieden.
Wer ist das schon. Ich hasse es grundsätzlich, Dinge los zu lassen. Altem und Bewährtem „Lebe wohl“ zu sagen und den nächsten Schritt nach vorne zu tun. Aber manchmal kann man Abschiede nicht aufschieben oder ignorieren. Sie finden einfach statt diese blöden Abschiede, ob man sich nun vorbereitet hat oder nicht, ob man daran teilhaben will oder nicht. Sie geschehen und man selber muss damit klar kommen.

So auch bei uns in diesem Sommer: Unser Sohn kommt in die Schule und das heisst: Kindergarten adé!
Vier Jahre gehen so schnell vorbei und ich kann sagen, dass ich jedes einzelne davon genossen habe. Und, dass wir ziemlich viel Glück (wenn man es denn so nennen will) mit der Wahl des Kindergartens hatten.
Es war noch DAS Jahr (und es war tatsächlich das letzte Jahr) in dem wir die Kita noch auswählen durften. Wir durften uns verschiedene Konzepte anschauen und prüfen und überlegen und am Ende etwas aussuchen, was zu uns passte. Und das schönste daran:
In 90 % aller Fälle bekamen wir dann diesen Wunschplatz. Es gab noch nicht den erschreckten Ausruf: „Oh nein, ich bekomme gar keinen Platz!“ oder: „Naja, der Kleine geht jetzt in den Kindergarten XXX. Ist war nicht unser Wunschkindergarten, aber besser als gar nichts.“
Wenn ich andere Mütter in den Jahren danach gesprochen habe, tat es mir in der Seele weh, dass man kaum mehr mit entscheiden durfte, von wem das Kind in diesen Jahren mitgeprägt werden durfte. Man war einfach froh, wenn man irgendwo „unter kam“

Mir persönlich war es wichtig, dass unser Sohn christliche Werte vermittelt bekommt. Nicht nur Zuhause sondern auch im Kindergarten. Wir wollten, dass er mit Leichtigkeit und Freude Geschichten aus der Bibel hört, Lieder singt, Wertschätzung erlebt und dass er Spass an der Zeit im Kindergarten hat.
Unser Sohn ist so ein Kandidat, der grundsätzlich immer lieber Zuhause geblieben wäre, als in den Kindergarten zu gehen, aber trotzdem war es eine gute Zeit für ihn und ich blicke dankbar zurück. Viel von dem, was er jetzt von Jesus weiss, hat er da von tollen Pädagogen gelernt. Die Selbstverständlichkeit, dass Gott ihn liebt und bei ihm ist, Wertschätzung und Annahme. Alles so kindgerecht und ohne Druck.
Für uns Eltern hatten die Erzieherinnen und die Leitung immer ein offenes Ohr und wir haben bei Problemen immer wieder besprochen und überlegt, wie man am besten vorgeht. Das Kind war wichtig – aber nicht der Mittelpunkt der Welt. Es gab Konsequenzen für schlechtes Verhalten und viel Aufmerksamkeit für das was er konnte und woran er Spass hatte – auch wenn es noch so banal und manchmal ziemlich absurd war. Das war besonders und für uns ein totales Geschenk. Als das will ich es nehmen, wenn wir dieser Zeit „Lebewohl“ sagen.

Nach dem „Lebewohl“ im Kindergarten hiess es dann: Hallo Schule!
Und so saßen wir dann am ersten Elternabend kurz vor den Sommerferien zusammen mit vielen anderen Eltern in der Turnhalle und die Rektorin machte uns in ihrem doch etwas empathielosen Endlosmonolog klar, dass jetzt eine neue Zeit anbrechen würde. Und wir unsere Kinder jetzt mal los lassen sollten.
„Ja, total easy,“ dachte ich.
Gestern haben noch alle erwartet, dass ich mein Kind zur Kita bringe und da auch wieder in Empfang nehme. Und jetzt wurde ich für die Frage getadelt, ob man sein Kind denn noch an der Schule abholen müsste oder ob sie es einfach alleine nach Hause schicken würden.
„Frau Frowein, ihr Kind geht jetzt in die Schule – da ist das normal, dass es das alles alleine macht. Das kriegt der schon hin. Da müssen sie jetzt mal loslassen!“
Ok, ja danke für dieses Gespräch! Ich wusste gar nicht, dass das so automatisch nach sechs Wochen Sommerferien funktioniert. Aber ich lerne ja gerne dazu.

Also lasse ich brav los, mehr weil ich muss, nicht weil ich mich irgendwie dazu bereit fühle. Nicke brav bei all den Anweisungen zum Thema „Schule“. Höre Pädagogen zu, die ich nicht kenne und hoffe weniger, dass mein Sohn das schafft – sondern eher, dass ich es schaffe.
Und dann, wenn kein anderer meine Gedanken kommentieren und bewerten kann, schlucke ich kurz und denke all die Gedanken, die man sich vielleicht als Mutter trotzdem macht – auch wenn sie nicht rein zu passen scheine in eine Welt voll von emanzipierten Supermamas, dir ihre Kinder losrennen lassen und nur winkend dahinter stehen und froh sind, dass sich jetzt irgendwer anders kümmert.

Denn ich mache mir Sorgen, ein wenig darum, wer das denn sein wird, der sich jetzt um mein Kind kümmert. Denn es wird geprägt von denen, die ihn nun lehren. Es wird einen Einfluss geben, der ihn bestärkt oder entmutigt.

Nicht jedes Kind kann alles gleich gut. Er wird seine Schwierigkeiten haben und Dinge nicht gut können. Anderes vielleicht schon. Wie wird das sein in der Schule? Was wird das für eine Botschaft für ihn sein? Wird er seine Liebe zum Lernen behalten? Wie werden Konflikte gelöst, wie Probleme besprochen? Werden Menschen da sein, die das in ihm und in jedem anderen Schüler sehen, was es wert ist, dass man sich darum kümmert? Etwas, was er überragend gut kann oder etwas, was er einfach nicht hinbekommt. Wie kann so was gehen bei diesen Klassengrößen….
Ein wenig hilflos schaue ich mir diese Gedanken an, die ich mir nicht machen sollte, weil „er das schon hinbekommt“… und erschrecke, dass ich mir diese Gedanken trotzdem mache.

Ich merke, dass ich wieder Abschied nehmen muss. Abschied davon, es im Griff zu haben. Dass ich ihn bewahren kann. Dass er noch so klein ist, dass erwartet wird, dass ich mich kümmere. Ich nehme Abschied von einem Stück Kindheit.
Wenn ich zur Ruhe komme und es schaffe, meine Sorge bei Gott zu lasse, kommt mir der Gedanke, dass ich mein Kind von Gott nur geliehen bekommen habe, aber das es SEIN Kind ist. Dass Gott seine Hand über ihn hält. Dass er ihn bewahren will und andere vor ihm. Dass ich zwar im Plan mit drin stecke und immer noch präge und immer noch helfe und unterstütze. Aber dass da, wo mein Kind dann morgens das Haus verlässt – ich loslassen muss. Nicht in eine Schule und auch nicht zu Lehrern und Mitschülern. Sondern, dass ich ihn ganz bewusst in Gottes Hand gebe und IHN machen lasse. Dass ich ihn segne und dann losschicke. In dem Bewusstsein, dass der Gott, der ihn geschaffen hat, seinen unverwechselbaren Plan für sein Leben hat. Er wird ihn durch Gutes führen und in Schlechtem bewahren und ihn lehren.

Ich sehe mich nicht als Helikoptermutter (auch wenn das jetzt wohl JEDER Leser schon in mich hinein analysiert hat 😉 Ich weiss, dass unser Sohn seine Erfahrungen machen muss und dass es ihn stark macht, wenn nicht immer alles nach seiner Nase läuft. Man muss nicht Klassenarbeiten verschieben, weil mein Sohn Geburtstag hat oder in ihm all das sehen, was ich in ihm sehe. Ich wünsche mir nur ein wenig Empathie, ein wenig Mitfühlen, ein wenig gute Pädagogik in seinem Leben. Weil manche Verletzungen im Leben nicht sein müssen.

Wenn ich so über diesen neuen Lebensabschnitt nachdenke, verordne ich mir ein wenig mehr Gnade für mich selber. Ich muss es nicht toll finden, los zu lassen, ich muss noch nicht mal stark sein. Ich darf heulen und zweifeln und trauern und klagen. Und ich weiss, dass Gott mir zuhört und mich versteht. Denn Gott ist Vater und Mutter, der weiss wie es ist seine Kinder loszulassen und ihren Weg gehen zu lassen, weil Liebe so etwas tut.

Ich bin gut aufgehoben bei ihm mit all meinen Fragen und dem trotzigem „Nicht akzeptieren wollen“. Weil er mich ja eh kennt und sowieso liebt – warum sollte ich ihm was vormachen. Hat noch nie funktioniert 😉

Und so mischt sich in die blöden Gefühle des Abschieds auch ein Stück Vorfreude, auf das was kommt.
Wie wertvoll ist die Gewissheit, einen Vater im Himmel zu haben, der sich nicht zu schade ist, mit einem kleinen Jungen in die Schule zu gehen und bei ihm zu sein – da wo ich nicht bin.