Es hätte toll werden können

Vielleicht hätte es toll werden können, diese neue Idee von jungen Menschen der Bowl Church zum “Creative Space” im Eifgen. Aber es passt irgendwie nicht rein nach Wermelskirchen. Es gibt dafür keine Vision. Wie schade! Ich hätte es ihnen und UNS von Herzen gegönnt. Soviel Mut und soviel Vorbereitung, gepaart mit jugendlichem Idealismus und Fehlern, die allen irgendwie scheinbar verziehen werden, nur so oft nicht der jungen Generation. 

“Oh, Angie, das stimmt aber nicht so”, sagt man mir. “Das hätten die auch anders machen können, da wurden viele Fehler gemacht und man weiss ja auch nicht, ob sie das am Ende geschafft hätten”.
Ja, das weiss man nicht – aber wird man jetzt auch nie wissen.

Ich arbeite seit 14 Jahren in der offenen Jugendarbeit und habe soviele junge Menschen erlebt. Die Hauptaufgabe bestand für mich als Mitarbeiterin im JUCA so oft darin, sie zu ermutigen, an ihren Träumen festzuhalten. Wir wollten sie immer wieder rausholen aus ihrer Letargie, aus ihren Süchten und Depressionen. Davon gibt es viel in der jungen Generation – aber auch bei den Älteren – aber da ist es scheinbar nicht so offensichtlich. 

Und dann ist da eine Gruppe, die aufsteht und etwas wagt. Die nach vorne in die erste Reihe wackelt, natürlich viel zu spät bei dem Verfahren, natürlich mit der Unwissenheit, was Politik und Verwaltung angeht. Und sie raunten uns zu: Wir haben da ne Idee, und es könnte toll werden. Vielleicht! Wir könnten es gemeinsam schaffen.

Und sie kämpften auf ihre Art, und sie versuchten, scheiterten, standen wieder auf, entschuldigten sich und hielten an ihrem Traum fest. Es hätte wundervoll werden können. Dieses ganze Zukunftsdenken. Es hätte, aber es wurde nicht. Man hat mir so oft gesagt: Halt an deinen Träumen fest. Aber vielleicht geht das nur, wenn man alt ist oder gesetzt oder nach den politischen Regeln spielt. Wenn diese Träume denen gefallen, die am Ende das letzte Wort haben, die den Karren ins Rollen oder zum Stoppen bringen.

Ich bin enttäuscht von dem, was ich sehe. Wer entscheidet hier, wer setzt die Weichen für die Zukunft? Wir wollen immer, dass junge Menschen sich einsetzen für ihre Welt, ihre Stadt und ihre Gemeinschaft. Aber bitte so, wie es für uns passt, für UNS die Erfahrenen, die politisch Versierten. Es hätte toll werden können! Es hätte, aber “hätte” passt nicht rein bei uns. 
Und somit ist die Sache erledigt, war ja auch ziemlich wild in den Medien. Jetzt muss mal wieder Ruhe rein kommen. 

Die jungen Leute werden neue Plätze finden, neue Möglichkeiten, neue Ideen. Vielleicht! Aber wenn man einmal die Flügel gestutzt bekommt, dauert es oft bis man wieder fliegt. Wenn man nicht erwünscht erscheint, sucht man sich andere Orte, die oft weit weg sind von dem Ort der Enttäuschung – auch das macht man als junger Mensch. Oder überhaupt als Mensch. Dann wird die Welt nicht untergehen und auch das Eifgen oder Wermelskirchen wird es überleben. Der Trott kann weitergehen.
Es hätte aber auch toll werden können. Es hätte – aber “hätte” passt ja so oft nicht.

Mehr zu dem Thema und dem Entschluss 
https://forumwk.de/2021/06/28/eifgenareal-knappe-entscheidung-fuer-loproject/

Out of the cave

Kennt ihr den Comedian „Chris Tall“?
Ich erinner mich gut an einen seiner Auftritte mit dem Titel „Darf er das?“. All seine Sprüche und Annekdoten waren ziemlich nah an dem was man einfach so nicht sagen sollte. Sie waren frech, arrogant und ziemlich dreist.
Immer wieder fragte er sein Publikum: Darf er das?
Darf er dieses sagen und jenes verhöhnen. Ich weiss gar nicht mehr im Detail, worüber er sprach, aber diese Frage: „Darf er das?“ Tja, das blieb bei mir hängen.

Als ich aus der kleinen persönlichen Höhle namens Pandemie- Lockdown kroch, fragte ich mich genau diese Frage in leicht abgewandter Form: Darf ich das? Dürfen wir das?

Donnerstag vergangener Woche gab es vor dem Rathaus in unserem kleinen Wermelskirchen den ersten Feierabendmarkt, der mich ein wenig an Normalität erinnerte. Es gab Livemusik, seit gefühlter Ewigkeit wieder. Menschen um mich herum, die sich unterhielten, Essen und Getränke kauften und sich gegenseitig wieder sahen. Als ich ankam und mich die ersten Bekannten ansprachen und ich mich so langsam im Smalltalk wiederfand, tanzte diese oben erwähnte Frage durch meinen Kopf: Darf sie das? Darf ich das?

Das dynamische Duo – Feierabendmarkt in Wermelskirchen https://www.das-dynamische-duo.de/news.php

Es war so unwirklich. Alle dieses Menschen um mich herum, all diese Normalität. War das jetzt ok, fragte ich mich?

Dabei war ich ja gar nicht so wahnsinnig lange von der Bildfläche verschwunden, hatte Freunde und Familie gesehen und immer alles irgendwie gemacht, was halt irgendwie ging und erlaubt war. Nicht, dass ich die Pandemie ansich in Frage stellte, nicht dass ich nicht mitbekam, was Bekannten mit diesem Kackvirus passierte. Trotz allem war mir neben der zu schützenden Gesundheit von Leib und Leben immer auch die psychische Gesundheit wichtig. Das war schon zu Beginn der Pandemie klar. Ohne Umarmung, ohne ein Miteinander, ohne Kultur, ohne Menschen – das war noch nie eine Option für mich. Und trotzdem verschwand auch ich in meiner Höhle, war irgendwie weg vom Fenster und trauerte dabei all dem nach was ich ebenfalls als relevant für mich und meine Welt empfand.
Ich war im vergangenen Jahr kreativ, also nicht an den Stellen wo ich es unbedingt sein wollte, sondern darin Leben zu führen trotz der Gefahr, Alltag für meine Kinder zu gestalten wo auch immer noch andere Menschen Platz fanden. Nur, wenn es unbedingt nötig war, nutzte ich Zoom. Ich wehre mich noch jetzt dagegen. War zwei mal fast selbst in Quarantäne und erlebte die Quarantäne meiner Tochter hautnah mit. Wir sind immer sehr verschont geblieben vom Virus – aber die Nebenwirkungen trafen auch uns meist hart. Ausfall der gesamten Projekte im Ehrenamt, Wegfall aller Einkünfte durch Veranstaltungen, immer wieder Umplanen, neu planen und am Ende absagen. Tränen und Fragen der Kinder aushalten, Facebook aushalten, andere stehen lassen können mit ihrer Meinung und ehrlich einander verstehen wollen. – Das hat geschlaucht, das hat müde gemacht.

Und dann geht alles gefühlt wieder los. Plötzlich geht die Welt wieder auf, öffnen sich die Tore und ich singe mit Anna von „Elsa, Eiskönigin“ das trotzige und fröhliche Lied „Zum ersten Mal seid Ewigkeiten wird Musik spielen in den Hallen, und zum ersten Mal seid langem, werd ich tanzen durch den Saal. Wachen öffnet nun das Tor!“

Und die Wachen öffnen die Tore und die Menschen strömen heraus und reissen mich mit. Und während ich daher taumel, raune ich den Menschen zu: Darf er das, darf ich das? In völliger Überforderung vor soviel unsicherer Freiheit. Trotz Impfung, trotz niedriger Zahlen. So schnell komme ich dann doch nicht mit.

Während draussen die Masken und Testpflicht wegfällt, trägt mein Schulkind und alle anderen in der Schule im Unterricht über ewig lange Zeit Masken und sie werden 2 x die Woche getestet. Unfassbar was an manchen Stellen geht, und an anderen Stellen halt nicht. Das muss ich aushalten und wieder zuhause vermitteln, trösten und auffangen. Nicht überall gehen die Tore für alle gleich auf. Das macht wütend – und dennoch ändert diese Wut nicht, sie lähmt nur.

An anderer Stelle erlebte ich die Woche dann wieder „offene Tore“:
Seid Monaten planten wir einen „Coronakonformen“ Junggesellinnenabschied für meine Freundin. Am Ende hatten wir auf 6 Personen reduziert und einen kleinen unspektakulären und dennoch gefühlt mehr als illegalen Abend geplant: Nur im Garten, nur mit ein paar Menschen, nur privat, nur zusammen, nur, nur, nur…..

und dann sang Anna, Schwester der Eisprinzessin wieder 🙂 und befahl den Wachen vor wenigen Wochen die Tore zu öffnen und wir planten spontan wieder um: Planwagenfahrt und gemeinsam mit 6 Haushalten essen gehen, gemeinsam unterwegs sein und abends unsere persönliche Livemusik im Garten, weil unser Freund und Musiker sich für uns in den Zug setzte um diesen Specialtag dann doch noch mal ne Ecke „besonderer“ zu machen. Wir haben es einfach gewagt. Die Beschenkten waren wir.

Elto beim Livekonzert im Garten
https://www.eventpeppers.com/de/manuel-elto

Noch die Tage vorher, wäre die Schulklasse meines Sohnes fast in Quarantäne gelandet. Langes Zittern und Zagen und die Angst, dass wir am Ende doch mal wieder gut geplantes hätten absagen müssen.
Auch dass ist Teil der Nebenwirkung von Pandemie, auch das zerrt an den Nerven, auch das macht unruhig und klaut Lebensqualität – vielleicht auch nur meine. Aber ich bin da auch recht subjektiv.

Nach diesem Wochenende bin ich müde, gefühlt könnte ich im Dauermodus schlafen. Mutig sein und Schritte wagen kostet auch immer Energie. Diese Frage: Darf sie das? zehrt noch mehr.

Und dennoch komm ich „out of the cave“, auch wenn es sich manchmal nicht gut anfühlt. Ich will glauben, dass ich das darf. Ich lebe mit dem Risiko, ich bleibe bedacht. Aber ich schau auch immer, was in diesem Leben möglich ist. Und dann beschenkt mich dieses Leben mit wunderbaren Momenten, mit Staunen und Lachen, mit „wieder-singen-dürfen“ mit Freunde treffen und endlosen Gesprächen, die der Seele gut tun.

Ich feiere das Leben, was sollte ich sonst tun? Ich will auch mutig in diese Zukunft gehen und glauben, dass ich eingebettet bin in einen großen Plan. Dass ich nicht heute fertig bin mit meiner Vorstellung vom Leben, sondern immer weiter lernen darf. Ich bin in Gemeinschaft hineingeboren, trage Verantwortung für das was ich tue. Aber ich will ausprobieren, Risiken eingehen in der Gewissheit, dass ich es auch nur bedingt in der Hand habe.

Die Höhle ist sicher aber halt auch ganz schön einsam. Und gegen das Gefühl von Lähmung und Angst, trete ich raus aus meinem Höhleneingang, blicke der Sonne entgegen und wage den Schritt. Erst einen und dann noch einen, dann renn ich, bald tanze ich. Und wenn die Welt wieder mal zumachen will, bin ich bereit noch mal in die Höhle zurückzukehren, aus Respekt und Anstand. Aber bis dahin tanze ich weit draussen.
Darf sie das? Keine Ahnung, aber ich mach es einfach! Einfach mal so. Vielleicht wird es gut!

Abtauchen – Auftauchen

Sei tapfer,
Auch, wenn der Schmerz nicht zulassen will,
dass du dich noch einmal erhebst.

Halte aus und glaub daran,
Dass der Schöpfer tatsächlich wusste, was er tat.
Als er dir diese oder jene Gabe gab. 

Sei standhaft,
Auch gegen alle Wellen dieser Welt.
Sei standhaft auch dann,
Wenn jeder um dich herum scheinbar fällt.

Lass nicht zu, dass die Sorge um morgen
Dir deine Kraft fürs heute klaut.

Und wenn die Welt zu viel verlangt,
Und du lieber schreien willst – ja dann
Dann such dir deinen kleinen Himmel auf Erden,

Tauch mal kurz ab und gönn dir
ein Versteck im Kornfeld.

Halte kurz die Luft an und erkenne,
Dass die Welt sich trotzdem weiter dreht.

Neben dem, was getan werden muss,
Gibt es auch vieles, was gelebt werden muss,

Was es aushält, dass du wütend bist,
Dass nicht geht, 
Auch dann wenn du nicht mehr richtig funktionierst.

Sei trotzdem tapfer,
Nur einen kleinen Schritt braucht ´s 
Um nicht stehen zu bleiben.
Nur einmal aufstehen braucht’s
Um nicht den Tag zu verschlafen.
Nur ein Gebet braucht’s, und es wurde zugesagt,
Dass dir der Himmel offen steht.

Und vielleicht kommt im „Gehen“ der Glaube,
Daran, dass nicht vergeblich ist, was wir sind und tun.

Lass uns am Ende Geschichten erzählen,
von dem was war
als nichts mehr ging.
Wenn wir wieder zusammen stehen und die Gläser erheben.
Lass uns neben den Niederlagen auch ein paar Siege bereithalten.
Können ja auch nur ein paar kleine sein.

Lass Hoffnung irgendwie mal was reales werden,
Nicht nur eine verkappte Träumerei von heillosen Spinnern.
Lass uns den Kopf heben, 
Ein wenig waghalsig.

Denn was kann schon passieren,
Als dass die Welt vor Hoffnung explodiert.
Sie hat schon anderes geschafft.

Sei mutig!

Sei mutig,
wenn du raus gehst in die Welt.
Sei mutig und sprich an, 
was niemand mehr ansprechen will.
Trau dich heraus aus deiner Komfortzone.
Mach es auch mal anders als andere,
wenn es das einzige ist, was dein Herz aushalten kann.
Renn, 
wenn es das braucht.
Steh still, 
auch wenn alles durchdreht. 
Sei mutig und trau dich, 
Unrecht anzusprechen,
Gefühle zu äussern,
zu weinen und zornig auf das zu sein, 
was sich nicht so einfach ändern will.
Hab eine Stimme für das, was du siehst,
Versteck dich nicht mit deinen Gaben und den Wundern, 
die nur DU in dir trägst.
Sing die Lieder,
die tief in dir schlummern.
Sei gütig,
liebe mit ganzem Herzen.
Denn vielleicht ist gerade nur deine Liebe,
das einzige, was den nächsten noch trägt.
Seit mutig,
auch wenns schwer fällt 
und die Angst dir allen Mut stehlen will.

Wenn dein Herz dir zuraunt: Ich kann nicht.
Geh trotzdem.

Schnee über Blümchen

Heute morgen – okay, es war später Ferienmorgen-
hab ich die Jalousien hochgezogen und nur gedacht:
„Wer will mich denn bitte hier verarschen?“
Schnell die Jalousien wieder hinunter,
und langsam wieder hinauf.
Doch der Anblick blieb unverändert:
Schnee und Schnee und Schnee!!
Extra als Begrüßung am Morgen des 7. Aprils.

Ja, ja ich weiss!
Mein Handy hatte es angekündigt.
Wir hatten als Familie darüber am Vortag gesprochen
und uns gefreut,
dass wir die Winterreifen noch „drauf“ hatten.
Wie jedes Jahr um diese Zeit.
Nicht, weil wir im April immer noch mit Tiefschnee rechneten,
sondern weil wir irgendwie nie pünktlich die Reifen wechselten.
Aber ich hätte doch niiiiiiiie im Leben damit gerechnet,
dass es tatsächlich so viel schneien würde.

Während ich also apathisch und fassungslos am Fenster stand
sprangen die Kids umher und freuten sich:
„Juhu, dann können wir einen Schneemann bauen!“
„Ja, viel Spass,“ murrte ich nur und wollte einfach gerne wieder ins warme Bett.

Ohne mich! Ich verweigere der penetranten Wiederkehr des Winters meine Aufwartung. Ich bin durch damit.
Ich will keinen Schnee mehr schippen, ich will den Gehweg fegen,
ich hol die Mützen nicht wieder vom Speicher,
ich will Frühling und draußen in der Sonne sitzen.
Ich will meine Blümchen nicht in einem Haufen unverfrorenem Schnee beerdigen müssen.

So wie ich keinen Schnee im April will,
so will ich viele Dinge nicht.
Ich will keine Abschiede, keinen Tod
ich will kein „das wars“ oder „es ist vorbei“,
ich will keine Überraschungen,
die meinen Alltag durcheinander bringen.
ich will kein „Immer weiter“,
ich will kein „Halte durch“.

Viele Dinge passieren und machen fassungslos.
Manchmal nerven sie nur,
so wie der Wintereinbruch im April.
und manchmal bringen sie das Leben ganz schön ins Wanken.
Manchmal bringt´s uns aus der Balance,
lässt und zweifeln und weinen.
Dabei werden wir nicht gefragt,
ob wir darauf vorbereitet sind oder
was wir dazu so meinen.
Solche Zeiten sind hart
und es fühlt sich so richtig ungerecht an.

Wenn die Wut im Bauch dann größer wird
ist es gut, wenn wir jemanden haben,
der „MIT UNS“ ist,
jemanden der „MIT UNS BLEIBT“
der unsere Wut aushält und unsere Ohnmacht,

…. auch unser Schimpfen auf Schnee über Blümchen….








Abendmahl = Gott hat dich lieb

Ich feiere heute das Abendmahl,
weil ich mich kurz erinnern will,
wie gut du es mit mir meinst.
Ich tue es auch dann, wenn noch nicht alles okay ist,
denn ich weiss:
Durch dich wird alles gut.
Ich nehme den Kelch und erinnere mich
an das Blut, dass du vergossen hast,
für meine Unfähigkeit zu lieben,
für meine Selbstsucht,
für meinen Mangel und meine schräge Sicht auf diese Welt.
Du hast geblutet und gelitten,
weil du wolltest,
dass ich es nicht tun muss.
Dass ich mich an dich drücken kann,
wie ein Kind das bei seinem Papa macht,
auch wenn noch nicht alles gut ist,
auch nach einem komischen Tag.
Ich erhebe mein Glas auf dich,
meinem Freund und Heiland,
auf den, der nicht geht,
nur weil ich woanders hin unterwegs bin.
Ich erhebe mein Glas auf dich und erinnere mich dankbar,
dass du mich so sehr liebst,
dass du mich retten wolltest
und es am Ende auch getan hast-
auch wenn du nicht auf meine Dankbarkeit zählen konntest.

Ich sitze hier und breche das Brot,
oder den Keks oder die Waffel
und es erinnert mich dran,
dass du nicht schuldig warst
und trotzdem gestorben bist
wie ein Verbrecher, wie einer der Schuld hat.
Grausam haben sie dich hingerichtet,
über dich gelacht und dich verspottet.
Dankbar esse ich das Brot,
weil ich dir danken will,
dass du das durchgehalten hast.
Weil du das Leben deiner Menschen vor Augen hattest.
Weil du auch mich gesehen hast.

Daran will ich mich erinnern,
in diesem alten Brauch namens Abendmahl.
Ich nehme es ein ohne Furcht vor dir.
Und meine Kinder sind Teil vom Ganzen.
Für sie ist Beziehung mit dir einfach,
nicht so vom Leben gezeichnet
nicht mit so viel „wenn und aber“,
ohne all diese Fragen.

Abendmahl, ich erinnere mich,
dass du mich liebst – weil du bist wie du bist.
Weil du dich nicht klein reden und entmachten lässt
von unserer kleinen Welt.
„Ich hab dich lieb“ – sagt mir die Bibel,
wie man es einem Kind immer wieder sagt,
weil man es im tiefsten Herzen fühlt.

Ostern ist Dunkelheit und Scheitern am Karfreitag
banges Warten und angstvolles Ausharren.
Ohne Schatten beachtet man selten das Licht.
Am Ende mit einem großen Happy End für die Menschheit.
Das auch gilt,
wenn Leben um uns dunkel bleibt.

Ich feiere heute das Abendmahl,
weil ich mich kurz erinnern will,
wie gut du es mit mir meinst.
Ich tue es auch dann, wenn noch nicht alles okay ist,
denn ich weiss:
Durch dich wird alles gut.

Nur eine Pfütze

An einigen Stellen hatte der Frühling schon mutig seine Fühler ausgestreckt und versuchte einen ziemlich langen und strengen Winter endgültig zu verscheuchen.
Die Kinder sprangen auf und ab auf dem immer noch sehr matschigem Waldweg.

Sie fanden Büsche um sich zu verstecken und Bäume um zu klettern. Immer wieder erklang lautes Gekreische von zwei wilden Grundschülerinnen
„Seid nicht so laut,“ rief ich und wusste selbst nicht warum.

Denn weit und breit war niemand da, den wir stören konnten.

Weit und breit war niemand hier. Das passte zu meiner etwas miesen Stimmung. Ich war definitiv gerade nicht wirklich gesellschaftsfähig. 

Wer hatte nur diese blöde Idee gehabt, noch mal raus zu gehen?

Ach ja, das war ich selbst in meiner mütterlichen Weisheit.

Wenn die Kinder in der Wohnung ihre Energie entluden, wäre das noch schriller und lauter als hier in der Endlosigkeit der Wälder.

Ich war genervt,

So viel hatte diese Woche wieder nicht geklappt.
So viel lag noch vor mir. Unerledigt und fordernd

Hatten wir eigentlich noch Nudeln im Haus?

„Mama, Mama guck,“ rief meine Jüngste mit ihren gerade mal 7 Jahren.

Wir könnten auch mal wieder Kartoffeln machen.

„MAMAAAAA!“

Oh, nein. Hatte irgendjemand die Wäsche angestellt?“

Platsch!

Endgültig aus meinen Gedanken gerissen, wirbelte ich herum und erblickte mit Schrecken meine Tochter, die soeben in die wabernde Pfütze neben uns gesprungen war.

Die Pfütze war dunkel, kalt und hässlich und sie war definitiv tiefer als ich gedacht hatte.

„Zoe,“ rief ich entsetzt und musste mit ansehen, wie sich grau-braunes Wasser seinen Weg in die Gummistiefel meiner Tochter suchte.

Doch anstatt, dass mir meine Tochter antwortete, sich erklärte und sich entschuldigte, kreischte sie vor Freude und setzte zum nächsten Sprung an. Meine große Tochter eilte herbei und lachte. Was gab es da zu lachen?

Ich rief und wedelte mit den Händen: „Nein, nein, nein!“

Platsch! Da hüpfte die nächste Tochter in die Pfütze.

Ich stand kurz fassungslos und kopfschüttelnd da, dann rannte ich auf und ab und jammerte vor mir her, dass sie rauskommen sollten, dass gleich alles nass sein würde, dass sie sich womöglich eine Lungen-, Blasen- und sonstige Unterkühlung holen würden. Ich tanzte wie Rumpelstilzchen um meine feiernden Töchter und merkte in meinem Tanz nicht, dass sich zwei ältere Damen näherten.

Das Geschrei meiner Töchter ebbte immer nur kurz ab, wenn sie zum nächsten Sprung ansetzten. Trotz dem ganzen Chaos in der Pfütze hörte ich die Unterhaltung der beiden älteren Damen:

– „Ach, wie schön die Familien heutzutage zusammen spielen“
– „Ja, das stimmt. So etwas hatten wir damals nicht.“

Als ich das hörte, stoppte ich abrupt in meinen Rumpelstilzchentanz und suchte mit den Augen die Gegend ab. Wen meinten die Damen bloß?
UNS konnten sie doch nicht gemeint haben. Ein fröhliches gemeinsames SPIEL? Von wegen!
Aber soweit ich auch blickte, da war sonst niemand. Ich wollte die Damen noch gefragt haben, mich erklären und den Krach entschuldigen. Aber sie waren bereits fröhlich schwatzend hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Komisch, wie manches auf andere wirkt. Wie sehr ich mich und mein unbändiges Chaos entschuldigen möchte. Ich erwartete, dass die anderen auf so eine Situation total anders reagierten. Verärgert und erbost. Und dass sie sagen würden: „Völlig Chaotisch die Alte, hat ihre Kinder nicht im Griff. Völlig inkonsequent!“
Aber die beiden älteren Damen sahen etwas anderes – in diesem Moment. Sie sahen das Spiel, das meine Töchter in völliger Freude gerade spielten. Und sie sahen MICH so, als ob ich einfach mitspielen würde.
Ich hielt kurz inne und sah meine beiden verdreckten aber so fröhlich spielenden Kinder an. 

Ja, ich würde am Abend die Kinder (am besten komplett mit Klamotten) in die Dusche stellen müssen, der Rückweg wäre wahrscheinlich ÜBERHAUPT nicht amüsant, weil alle frieren und keiner mehr laufen wollte.

Aber was, wenn jetzt Zeit zum Spiel war?
Könnte man Sorgen damit verschieben und den Zauber des Moments festhalten oder ihn zuerst einmal wieder finden.
Würde ein Sprung in die Pfütze ausreichen, um wieder ein wenig Leichtigkeit zu bekommen?

Ich war mir nicht ganz sicher, ob das was ich im nächsten Moment tat, pädagogisch wertvoll war, aber ich hörte auf die beiden älteren Damen. Ich nahm Teil am Spiel: Ich hörte auf, nachzudenken und sprang mit einer solchen Wucht in die Pfütze, dass nicht nur meine Klamotten sondern auch die der Mädels, klitschnass waren. Ich sah in die weit aufgerissenen Augen zweier Mädels, die vor Schreck laut aufkreischten. Also eigentlich kreischten sie ja eh, aber gefühlt war das jetzt noch lauter!

„Mama?!“ rief die Große entsetzt. Aber nur kurz, dann sah sie mich grinsen.

„Oh man, du bist die coolste Mama von der ganzen Welt!“
Dann nahmen zwei völlig verdreckte Kinderhände je meine Hand, und wir tanzten durch das dreckige Wasser einer Pfütze mitten im Wald.

Für eine kurze Zeit konnte ich einfach diese beiden Mädchen geniessen: Das, was neben Homeschooling, Homekümmering, und all den Dingen, die immer wieder organisiert und beachtet werden mussten, so oft keinen Platz mehr im Kalender fand.
Und das war dann mein persönlicher Frühlingsmoment. Nass und dreckig aber irgendwie magisch.

Ob Sorgen wohl in dreckigen Pfützen ertrinken können? Schön wärs , aber erfahrungsgemäß können sie ziemlich gut schwimmen. Doch auch, wenn sie wieder auftauchen. Für einen kurzen Moment standen sie nicht im Mittelpunkt. 

Wer weiss: Vielleicht werden meine Kinder, wenn sie an diesen Frühling 2021 zurückdenken,  irgendwann einmal sagen:
„Mama, das war eine coole Zeit. Weisst du noch: Die Pfütze!“

–> Erschienen in der Osterausgabe
GZD Dabringhausen „Voll Ostern“ 2021

Wir, die Menschen!

Alleine und doch irgendwie gemeinsam unterwegs:
Irgendwie mit ähnlichen Träumen,
ähnlichen Wünsche und ähnlichem Sehnen:
Glücklich sein, frei und unabhängig
Menschen haben, die uns mögen,
die uns sehen, verstehen und auch mal ertragen
Wir ersehnen Großes und Neues,
und ab und an reicht es,
gekuschelt vor dem Kamin zu liegen
ohne Termin und ohne Hetze.
Wir stehen gerne gemeinsam zusammen.
Auf jedenfalls vermissen wir es,
wenn wir es länger nicht tun.
Dann klopfen wir uns auf die Schulter
und meinen:
Wir schaffen den Weg schon,
nur noch ein Stück bis zum Ende der Welt.
Triefend der Wunsch nach Gemeinschaft,
nach liebevoll verpackter Ehrlichkeit
Wir, die Menschen – Krone der Schöpfung.
So hungrig nach Wärme, nach Verstehen
nach ehrlichem Mitleid.
Wir wollen Sterne ergreifen und Schlösser bauen,
wir wollen erschaffen und bleiben
in Erinnerung für diese Welt.
Wir sind oft so sehr mit uns beschäftigt,
und manchmal retten wir scheinbar die Welt.
Wir, die Großen und Kleinen,
die mittanzen wollen in dem Reigen der Zeit.
Wir, mit unseren Träumen,
mit der Sehnsucht nach Leben.
Wir, in unserem Winterschlaf,
während es schon längst Sommer wird.
Wir voller Hoffnung auf morgen,
auf Neues, auf Gutes.
Wir die wir gehen und tanzen und beten und staunen.

Wir, die Menschen!
Krone der Schöpfung.

Frag doch mal …die Maus

Seit 50 Jahren erklärt uns in der Sendung mit der Maus, ein kleines, stilles, orangefarbiges Nagetier die Welt.

Wir stellen die Fragen und „sie“ liefert die Antwort. Jemand, der sich auskennt oder sich die Mühe macht, sich mit unseren Fragen auseinander zu setzen. Unzählige Videos sind über die Jahre entstanden.
3.320 Fragen in all den Jahren. Kinder und Erwachsene, die Fragen an das Leben stellen, Neugier beweisen und Antworten suchen. Und bei der Sendung mit der Maus gibt es diese Antworten, kreativ untermalt und ganz einfach erklärt.
Eine Frage zu stellen und eine Antwort zu erwarten, ist bereichernd fürs Leben.
Es zeigt: Ich weiss nicht alles, ich versteh die Welt nicht so ganz. Komm, bitte erklär es mir. Es lässt zu, dass jemand anders mehr wissen darf und dass er die Chance bekommt, es mir zu erklären. Ich stelle mich hin und frage. Und jemand anders ist der Kluge, der Gelehrte. Ich höre zu und der andere macht die Lösung verständlich.
Kinder können das. Sie sind neugierig aufs Leben – die meisten.
Sie können Löcher in den Bauch fragen, absurdeste Antworten finden und dann nachfragen: Mama, ist das so?
Manchmal, wenn ich so gar nicht weiss, was ich dazu sagen soll, antworte ich: „Frag doch mal die Maus.“
Heisst: Ich weiss es leider nicht. Ich möchte dir nicht irgendwas erzählen, kein Halbwissen, kein Erwachsenengequatsche. Dann sag ich: Frag jemand anderes, oder wir machen uns gemeinsam auf die Suche nach der Antwort.

Ich hab das Gefühl, dass wir als Erwachsene oft weniger Mut aufbringen, Fragen zu stellen. Oder dass wir immer das Gefühl haben, eine Antwort parat haben zu müssen oder selbst keine Fragen mehr stellen zu wollen. Denn vieles hätten wir ja im Leben gelernt haben müssen. Zu fragen ist ja auch immer ein kleines Zeichen von Schwäche.
Dabei bereichert das unser Miteinander. Es zeigt: Sag mir, was du weisst, teile mit, was du gelernt hast. Sei mir ein Gegenüber und lass uns gemeinsam über die Fragen der Welt nachdenken.

In den letzten Monaten fehlten mir oft die Antworten und leider wusste auch die Maus nicht immer die Lösung. Oft waren da zu viele Fragen und gefühlt keine Antworten.

Im letzten Jahr musste ich viele Antworten für mich selber finden. Zum Beispiel, was diese ganze Pandemie mit mir macht und machen darf. Wie sehr ich denke, Antworten und richtige Wege zu kennen. Ich dachte oft, dass es so oder so gehen müsste. Oftmals saß ich ziemlich ratlos da, weil die Wege, wie ich sie kannte nicht mehr funktionierten. Ich bin ein Beziehungsmensch – durch und durch. Ein Leben auf Distanz zu anderen Menschen lässt meine Freude sinken.
YouTube und Zoom sind hilfreiche Tools um am Leben der anderen noch teilzuhaben. Aber sie ersetzen wahre Beziehungen nicht.
Ich habe mich oft gefragt, wie mein Leben nun laufen soll. Ob und wie ich sein will.

Ich stelle mir nun die Frage:
Wo kann ich noch Beziehung leben, wo kann ich gestalten, wo sinnvoll Anteil nehmen. Das nehme ich auch jeden Tag mit in meinem Austausch mit Gott, in mein Gespräch mit dem Schöpfer.
Ganz weit weg von dem Anspruch funktionieren zu müssen, tauche ich ein ins „Frage- Antwort Spiel“.

Ich spüre, da sind Menschen um mich herum, die mich brauchen und für die mein Dasein gerade unendlich wichtig ist. Meine Aktionen sind reduziert und alles was noch stattfindet, wird dadurch auch wertvoller. Ich gehe öfter mit einer Freundin spazieren, immer mal mit der, die es wie ich in dem Moment braucht. Dann ziehen wir gemeinsam durch die Natur, reden über Frust und Verdruss, lachen und merken, es ist gut, dass der andere da ist. Ich bin dankbar für Menschen, die zuhören und ihre persönlichen Antworten geben. Menschen, mit denen ich gemeinsam über das Leben nachdenken darf. Und auch welche, die die Stille aushalten, wenn es mal keine Antworten gibt.

Ich profitiere davon, dass ich meine kleine Familie habe und, dass der Austausch und das Zusammensein, enger wird, vertrauter. Dass Dinge aufbrechen und Zeit da ist, damit es auch mal heilen kann. Ich finde Zeit zum Spiel, zum Zuhören und Dasein. Fragen sind Teil des Alltags, aber Antworten nicht immer so immens wichtig.
Wir haben den 50. Geburtstag der „Sendung mit der Maus“ an diesem Wochenende ausgedehnt gefeiert. Mit Deko, Kuchen, Mark Forster und Lagerfeuer. Oft kommen solche Momente zu kurz, weil sie immer On Top auf einem ziemlich vollen Terminkalender liegen. Und das strengt an.
Dass jetzt weniger ist, weil mehr nicht sein darf, ist manchmal auch entspannend.
Unsere Kinder profitieren davon. Wir sind eine kleine eingeschworene Gemeinschaft geworden.
Und doch vermisse ich auch Feste und Freunde und Zusammenkünfte mit vielen Menschen. Da ist so ein Ort in meinem Herzen mit sehr viel Liebe für die Welt da draussen. Und dieser Ort ist so still geworden. Das schmerzt, denn es ist auch ein Teil meines Lebens.

Wenn ich die Maus fragen würde, was sie mir als Ratschlag für diese Zeit mitgibt, würde sie vielleicht mit den Augen „klick“, „klick“ machen und sie würde den Elefanten in die Arme nehmen und auch die gelbe Ente und dann würde mich auffordern, ihrem Beispiel zu folgen.

Liebe Maus, deine Welt ist immer schon kleiner und überschaulicher gewesen als meine. Und doch hast du Generationen erreicht. Nur, weil du die kleine Welt um dich herum ernst genommen hast mit den Fragen die da waren. Das will ich mir zum Vorbild nehmen für den nächsten Tag! Ich will wertschätzend das in Angriff nehmen, was ich tun kann.

Happy Birthday!

Von Fastenzeit zu Fastenzeit

Fasching, diese fünfte Jahreszeit ging 2021 zu Ende, wie sie begonnen hatte: Still und leise und ohne großes Aufgebot. Während diese eigentlich doch jecke Zeit „Gute Nacht“ sagt, obwohl sie vorher gar nicht recht wach war, kündigt sich schon die nächste Zeit an: Die Fastenzeit. Innehalten und verzichten. Zur Ruhe kommen und für sich sein. Und während die Fastenzeit in all den Jahren vorher für mich immer eine sehr besondere und prägende Zeit war, gestehe ich nun:

In diesem Jahr fällt es mir schwer. Denn ich habe das Gefühl, dass ich im letzten Jahr schon ziemlich viel verzichtet habe. So ganz unfreiwillig und immer mit der Angst im Nacken, dass man den Laden hier schnell dicht macht, wenn ich mich nicht an die Regeln halte. Oder, dass die Berührung eines anderen Menschen Gefahr bedeutet.
Ich habe das Gefühl, dass ich keine 40 Tage Fastenzeit hinter mir habe (obwohl sie mir doch eigentlich erst bevorsteht), sondern mehrere lange Monate… und, dass das mit dem Karneval schon ’ne Ecke her ist. Aber vielleicht komme ich ja auch so klar und verstecke mich einfach weiter in meiner Höhle namens Sicherheit.

Carmen Schenkel, Emotionsforscherin und Geschäftsführerin des Instituts September, schreibt an Weiberfastnacht 2021 einen sehr interessanten Artikel im RGA. „Um so disziplinierter man ist, um so wichtiger ist es, ab und zu auch mal zu eskalieren,“ meint sie. Corona habe den Menschen eine Disziplin sondergleichen abverlangt. Langsam mache sich ein apathischer Zustand in der Gesellschaft bemerkbar.
Und ich nicke zustimmend. Ich hier so in meiner Höhle.
„Es wäre,“ so Schenkel weiter, nachdem sie Karnevalisten in tiefenpsychologischen Interviews befragt hatte, „jetzt mal an der Zeit, ein paar Tage über die Stränge zu schlagen.“ Und Karneval sei dafür ideal.
Sie fährt fort und beschreibt die Zeit des Karnevals als eine Zeit, in der man sich „aus dem Alltag herausschunkeln könne um eine psychische Freiheit zu erlangen.“ Ich nicke wieder, während ich weiterlese.
„Ach wie sehr hätten wir das dieses Jahr gebraucht.“ seufzt sie zum Abschluss.

Ja, wie sehr hätten wir das in diesem Jahr gebraucht.

Wenn man die Fastenzeit ernst nimmt, tut es gut, wenn es vorher den persönlichen Karneval gegeben hat. Wenn man von Zeit zu Zeit nicht alles so ernst nimmt, wenn man tanzt und lacht und verrückt und wunderbar mit roten Zöpfen wirr durch durch den Alltag tanzt, trotz des Heimtückischen um einen herum – trotz der lauernden Gefahr. Raus aus der Höhle und mal wieder, und so verantwortlich wie man sein kann, den einen oder anderen in die Arme nimmt, damit die Seele auch einen Grund zum Feiern findet und nicht verkümmert.

Und so trete ich heraus aus meiner Höhle und wage den Verrat: Ich feiere meinen persönlichen Karneval trotz allem. Weil immer nur Disziplin träge und einsam macht. Ich nicke den Geschundenen zu und verstehe den Abgehangenen. Ich hebe die Kinder hoch auf meine Schultern, damit sie die Parade und auch weiterhin den Himmel sehen können, ihre Zukunft, die es noch gibt und immer geben wird, und bin präsent, damit sie gestärkt und mutig die Kamelle entgegen nehmen können, die das Leben noch für sie bereit hält.

Ich spreche an, was ich als so unsäglich ungerecht empfinde in meiner persönlichen Büttenrede (schön sarkastisch und penetrant), und bin bei allem dabei, was durch diese Pandemie, durch unsere gespaltene Gesellschaft und all die Überforderung trägt. Ich sage Nein zu übertriebener Distanz und hole jeden, den ich finden kann, wieder aus seinem Loch und feiere jeden noch so kleinen Schritt Richtung Leben. 
Wenn ich den Leichtsinn wage und mir eingestehe, dass ich das kann, weil ich ein verantwortungsvoller Mensch bin, der sein Leben und das derer um sich herum ernst nimmt, wertschätzt und schützen will. 

An Karneval kann ich egoistisch eskalieren und nehmen ohne Sinn und Verstand oder ich schunkle und lache mit dem nötigen Respekt. Auch wenn manche vielleicht denken, dass wir Politik und Führer brauchen, die uns zeigen, wie wir mit all den Gefahren umgehen müssen: Ich glaube, das können wir eigentlich gut selbst. Wir können mit der Pandemie leben, ihr Einhalt gebieten, schützen, was zu schützen ist, und trotzdem nicht die Freude miteinander verlieren. 

Das braucht Mut und Kreativität – kreativ wie manch ein Karnevalskostüm, mutig wie die Themen der Wagenbauer, die sich auch mal nicht so leichte Kost gönnen und Ungerechtigkeit bockig und waghalsig zur Schau stellen.

Und wenn wir diesen persönlichen Karneval wagen, dann können wir getrost auch die Fastenzeit erleben. Dann können wir innehalten in all dem Verzicht und uns bewusst machen, was eine Krise mit uns macht und was sie uns zeigt. Sie zeigt unsere Wunden. Sie zeigt auf, was nicht ok ist mit uns und unserer Welt. 

In der Fastenzeit, in der Stille und dem Verzicht wird schnell klar, wer wir wirklich sind. Wenn Ablenkung nicht da ist, zeigt es, wovor wir vielleicht gerne weglaufen. Das zu sehen, ist oft nicht schön, aber es ist auch eine tiefe Chance auf Veränderung! 

Ich bin bereit für die Fastenzeit, weil es in meinem Leben auch die persönliche Karnevalszeit gibt. Und manchmal findet beides fast schon nebeneinander her statt. Es gibt Zeiten, in denen ich die Parade laufe.
Und dann gibt es die andere Zeit in der ich die Ruhe annehme, die Krise akzeptiere und mich frage, wer ich sein will in dieser Zeit. Und wer ich sein will am Ende von 2021.

Karneval und Fastenzeit. Ich wünsche Dir beides…
Verlier nicht den Mut und die Zuversicht und die Freude!