Nur eine Pfütze

An einigen Stellen hatte der Frühling schon mutig seine Fühler ausgestreckt und versuchte einen ziemlich langen und strengen Winter endgültig zu verscheuchen.
Die Kinder sprangen auf und ab auf dem immer noch sehr matschigem Waldweg.

Sie fanden Büsche um sich zu verstecken und Bäume um zu klettern. Immer wieder erklang lautes Gekreische von zwei wilden Grundschülerinnen
„Seid nicht so laut,“ rief ich und wusste selbst nicht warum.

Denn weit und breit war niemand da, den wir stören konnten.

Weit und breit war niemand hier. Das passte zu meiner etwas miesen Stimmung. Ich war definitiv gerade nicht wirklich gesellschaftsfähig. 

Wer hatte nur diese blöde Idee gehabt, noch mal raus zu gehen?

Ach ja, das war ich selbst in meiner mütterlichen Weisheit.

Wenn die Kinder in der Wohnung ihre Energie entluden, wäre das noch schriller und lauter als hier in der Endlosigkeit der Wälder.

Ich war genervt,

So viel hatte diese Woche wieder nicht geklappt.
So viel lag noch vor mir. Unerledigt und fordernd

Hatten wir eigentlich noch Nudeln im Haus?

„Mama, Mama guck,“ rief meine Jüngste mit ihren gerade mal 7 Jahren.

Wir könnten auch mal wieder Kartoffeln machen.

„MAMAAAAA!“

Oh, nein. Hatte irgendjemand die Wäsche angestellt?“

Platsch!

Endgültig aus meinen Gedanken gerissen, wirbelte ich herum und erblickte mit Schrecken meine Tochter, die soeben in die wabernde Pfütze neben uns gesprungen war.

Die Pfütze war dunkel, kalt und hässlich und sie war definitiv tiefer als ich gedacht hatte.

„Zoe,“ rief ich entsetzt und musste mit ansehen, wie sich grau-braunes Wasser seinen Weg in die Gummistiefel meiner Tochter suchte.

Doch anstatt, dass mir meine Tochter antwortete, sich erklärte und sich entschuldigte, kreischte sie vor Freude und setzte zum nächsten Sprung an. Meine große Tochter eilte herbei und lachte. Was gab es da zu lachen?

Ich rief und wedelte mit den Händen: „Nein, nein, nein!“

Platsch! Da hüpfte die nächste Tochter in die Pfütze.

Ich stand kurz fassungslos und kopfschüttelnd da, dann rannte ich auf und ab und jammerte vor mir her, dass sie rauskommen sollten, dass gleich alles nass sein würde, dass sie sich womöglich eine Lungen-, Blasen- und sonstige Unterkühlung holen würden. Ich tanzte wie Rumpelstilzchen um meine feiernden Töchter und merkte in meinem Tanz nicht, dass sich zwei ältere Damen näherten.

Das Geschrei meiner Töchter ebbte immer nur kurz ab, wenn sie zum nächsten Sprung ansetzten. Trotz dem ganzen Chaos in der Pfütze hörte ich die Unterhaltung der beiden älteren Damen:

– „Ach, wie schön die Familien heutzutage zusammen spielen“
– „Ja, das stimmt. So etwas hatten wir damals nicht.“

Als ich das hörte, stoppte ich abrupt in meinen Rumpelstilzchentanz und suchte mit den Augen die Gegend ab. Wen meinten die Damen bloß?
UNS konnten sie doch nicht gemeint haben. Ein fröhliches gemeinsames SPIEL? Von wegen!
Aber soweit ich auch blickte, da war sonst niemand. Ich wollte die Damen noch gefragt haben, mich erklären und den Krach entschuldigen. Aber sie waren bereits fröhlich schwatzend hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Komisch, wie manches auf andere wirkt. Wie sehr ich mich und mein unbändiges Chaos entschuldigen möchte. Ich erwartete, dass die anderen auf so eine Situation total anders reagierten. Verärgert und erbost. Und dass sie sagen würden: „Völlig Chaotisch die Alte, hat ihre Kinder nicht im Griff. Völlig inkonsequent!“
Aber die beiden älteren Damen sahen etwas anderes – in diesem Moment. Sie sahen das Spiel, das meine Töchter in völliger Freude gerade spielten. Und sie sahen MICH so, als ob ich einfach mitspielen würde.
Ich hielt kurz inne und sah meine beiden verdreckten aber so fröhlich spielenden Kinder an. 

Ja, ich würde am Abend die Kinder (am besten komplett mit Klamotten) in die Dusche stellen müssen, der Rückweg wäre wahrscheinlich ÜBERHAUPT nicht amüsant, weil alle frieren und keiner mehr laufen wollte.

Aber was, wenn jetzt Zeit zum Spiel war?
Könnte man Sorgen damit verschieben und den Zauber des Moments festhalten oder ihn zuerst einmal wieder finden.
Würde ein Sprung in die Pfütze ausreichen, um wieder ein wenig Leichtigkeit zu bekommen?

Ich war mir nicht ganz sicher, ob das was ich im nächsten Moment tat, pädagogisch wertvoll war, aber ich hörte auf die beiden älteren Damen. Ich nahm Teil am Spiel: Ich hörte auf, nachzudenken und sprang mit einer solchen Wucht in die Pfütze, dass nicht nur meine Klamotten sondern auch die der Mädels, klitschnass waren. Ich sah in die weit aufgerissenen Augen zweier Mädels, die vor Schreck laut aufkreischten. Also eigentlich kreischten sie ja eh, aber gefühlt war das jetzt noch lauter!

„Mama?!“ rief die Große entsetzt. Aber nur kurz, dann sah sie mich grinsen.

„Oh man, du bist die coolste Mama von der ganzen Welt!“
Dann nahmen zwei völlig verdreckte Kinderhände je meine Hand, und wir tanzten durch das dreckige Wasser einer Pfütze mitten im Wald.

Für eine kurze Zeit konnte ich einfach diese beiden Mädchen geniessen: Das, was neben Homeschooling, Homekümmering, und all den Dingen, die immer wieder organisiert und beachtet werden mussten, so oft keinen Platz mehr im Kalender fand.
Und das war dann mein persönlicher Frühlingsmoment. Nass und dreckig aber irgendwie magisch.

Ob Sorgen wohl in dreckigen Pfützen ertrinken können? Schön wärs , aber erfahrungsgemäß können sie ziemlich gut schwimmen. Doch auch, wenn sie wieder auftauchen. Für einen kurzen Moment standen sie nicht im Mittelpunkt. 

Wer weiss: Vielleicht werden meine Kinder, wenn sie an diesen Frühling 2021 zurückdenken,  irgendwann einmal sagen:
„Mama, das war eine coole Zeit. Weisst du noch: Die Pfütze!“

–> Erschienen in der Osterausgabe
GZD Dabringhausen „Voll Ostern“ 2021

Und plötzlich bist du Schulkind …

Ich bin kein Freund von Abschieden.
Wer ist das schon. Ich hasse es grundsätzlich, Dinge los zu lassen. Altem und Bewährtem „Lebe wohl“ zu sagen und den nächsten Schritt nach vorne zu tun. Aber manchmal kann man Abschiede nicht aufschieben oder ignorieren. Sie finden einfach statt diese blöden Abschiede, ob man sich nun vorbereitet hat oder nicht, ob man daran teilhaben will oder nicht. Sie geschehen und man selber muss damit klar kommen.

So auch bei uns in diesem Sommer: Unser Sohn kommt in die Schule und das heisst: Kindergarten adé!
Vier Jahre gehen so schnell vorbei und ich kann sagen, dass ich jedes einzelne davon genossen habe. Und, dass wir ziemlich viel Glück (wenn man es denn so nennen will) mit der Wahl des Kindergartens hatten.
Es war noch DAS Jahr (und es war tatsächlich das letzte Jahr) in dem wir die Kita noch auswählen durften. Wir durften uns verschiedene Konzepte anschauen und prüfen und überlegen und am Ende etwas aussuchen, was zu uns passte. Und das schönste daran:
In 90 % aller Fälle bekamen wir dann diesen Wunschplatz. Es gab noch nicht den erschreckten Ausruf: „Oh nein, ich bekomme gar keinen Platz!“ oder: „Naja, der Kleine geht jetzt in den Kindergarten XXX. Ist war nicht unser Wunschkindergarten, aber besser als gar nichts.“
Wenn ich andere Mütter in den Jahren danach gesprochen habe, tat es mir in der Seele weh, dass man kaum mehr mit entscheiden durfte, von wem das Kind in diesen Jahren mitgeprägt werden durfte. Man war einfach froh, wenn man irgendwo „unter kam“

Mir persönlich war es wichtig, dass unser Sohn christliche Werte vermittelt bekommt. Nicht nur Zuhause sondern auch im Kindergarten. Wir wollten, dass er mit Leichtigkeit und Freude Geschichten aus der Bibel hört, Lieder singt, Wertschätzung erlebt und dass er Spass an der Zeit im Kindergarten hat.
Unser Sohn ist so ein Kandidat, der grundsätzlich immer lieber Zuhause geblieben wäre, als in den Kindergarten zu gehen, aber trotzdem war es eine gute Zeit für ihn und ich blicke dankbar zurück. Viel von dem, was er jetzt von Jesus weiss, hat er da von tollen Pädagogen gelernt. Die Selbstverständlichkeit, dass Gott ihn liebt und bei ihm ist, Wertschätzung und Annahme. Alles so kindgerecht und ohne Druck.
Für uns Eltern hatten die Erzieherinnen und die Leitung immer ein offenes Ohr und wir haben bei Problemen immer wieder besprochen und überlegt, wie man am besten vorgeht. Das Kind war wichtig – aber nicht der Mittelpunkt der Welt. Es gab Konsequenzen für schlechtes Verhalten und viel Aufmerksamkeit für das was er konnte und woran er Spass hatte – auch wenn es noch so banal und manchmal ziemlich absurd war. Das war besonders und für uns ein totales Geschenk. Als das will ich es nehmen, wenn wir dieser Zeit „Lebewohl“ sagen.

Nach dem „Lebewohl“ im Kindergarten hiess es dann: Hallo Schule!
Und so saßen wir dann am ersten Elternabend kurz vor den Sommerferien zusammen mit vielen anderen Eltern in der Turnhalle und die Rektorin machte uns in ihrem doch etwas empathielosen Endlosmonolog klar, dass jetzt eine neue Zeit anbrechen würde. Und wir unsere Kinder jetzt mal los lassen sollten.
„Ja, total easy,“ dachte ich.
Gestern haben noch alle erwartet, dass ich mein Kind zur Kita bringe und da auch wieder in Empfang nehme. Und jetzt wurde ich für die Frage getadelt, ob man sein Kind denn noch an der Schule abholen müsste oder ob sie es einfach alleine nach Hause schicken würden.
„Frau Frowein, ihr Kind geht jetzt in die Schule – da ist das normal, dass es das alles alleine macht. Das kriegt der schon hin. Da müssen sie jetzt mal loslassen!“
Ok, ja danke für dieses Gespräch! Ich wusste gar nicht, dass das so automatisch nach sechs Wochen Sommerferien funktioniert. Aber ich lerne ja gerne dazu.

Also lasse ich brav los, mehr weil ich muss, nicht weil ich mich irgendwie dazu bereit fühle. Nicke brav bei all den Anweisungen zum Thema „Schule“. Höre Pädagogen zu, die ich nicht kenne und hoffe weniger, dass mein Sohn das schafft – sondern eher, dass ich es schaffe.
Und dann, wenn kein anderer meine Gedanken kommentieren und bewerten kann, schlucke ich kurz und denke all die Gedanken, die man sich vielleicht als Mutter trotzdem macht – auch wenn sie nicht rein zu passen scheine in eine Welt voll von emanzipierten Supermamas, dir ihre Kinder losrennen lassen und nur winkend dahinter stehen und froh sind, dass sich jetzt irgendwer anders kümmert.

Denn ich mache mir Sorgen, ein wenig darum, wer das denn sein wird, der sich jetzt um mein Kind kümmert. Denn es wird geprägt von denen, die ihn nun lehren. Es wird einen Einfluss geben, der ihn bestärkt oder entmutigt.

Nicht jedes Kind kann alles gleich gut. Er wird seine Schwierigkeiten haben und Dinge nicht gut können. Anderes vielleicht schon. Wie wird das sein in der Schule? Was wird das für eine Botschaft für ihn sein? Wird er seine Liebe zum Lernen behalten? Wie werden Konflikte gelöst, wie Probleme besprochen? Werden Menschen da sein, die das in ihm und in jedem anderen Schüler sehen, was es wert ist, dass man sich darum kümmert? Etwas, was er überragend gut kann oder etwas, was er einfach nicht hinbekommt. Wie kann so was gehen bei diesen Klassengrößen….
Ein wenig hilflos schaue ich mir diese Gedanken an, die ich mir nicht machen sollte, weil „er das schon hinbekommt“… und erschrecke, dass ich mir diese Gedanken trotzdem mache.

Ich merke, dass ich wieder Abschied nehmen muss. Abschied davon, es im Griff zu haben. Dass ich ihn bewahren kann. Dass er noch so klein ist, dass erwartet wird, dass ich mich kümmere. Ich nehme Abschied von einem Stück Kindheit.
Wenn ich zur Ruhe komme und es schaffe, meine Sorge bei Gott zu lasse, kommt mir der Gedanke, dass ich mein Kind von Gott nur geliehen bekommen habe, aber das es SEIN Kind ist. Dass Gott seine Hand über ihn hält. Dass er ihn bewahren will und andere vor ihm. Dass ich zwar im Plan mit drin stecke und immer noch präge und immer noch helfe und unterstütze. Aber dass da, wo mein Kind dann morgens das Haus verlässt – ich loslassen muss. Nicht in eine Schule und auch nicht zu Lehrern und Mitschülern. Sondern, dass ich ihn ganz bewusst in Gottes Hand gebe und IHN machen lasse. Dass ich ihn segne und dann losschicke. In dem Bewusstsein, dass der Gott, der ihn geschaffen hat, seinen unverwechselbaren Plan für sein Leben hat. Er wird ihn durch Gutes führen und in Schlechtem bewahren und ihn lehren.

Ich sehe mich nicht als Helikoptermutter (auch wenn das jetzt wohl JEDER Leser schon in mich hinein analysiert hat 😉 Ich weiss, dass unser Sohn seine Erfahrungen machen muss und dass es ihn stark macht, wenn nicht immer alles nach seiner Nase läuft. Man muss nicht Klassenarbeiten verschieben, weil mein Sohn Geburtstag hat oder in ihm all das sehen, was ich in ihm sehe. Ich wünsche mir nur ein wenig Empathie, ein wenig Mitfühlen, ein wenig gute Pädagogik in seinem Leben. Weil manche Verletzungen im Leben nicht sein müssen.

Wenn ich so über diesen neuen Lebensabschnitt nachdenke, verordne ich mir ein wenig mehr Gnade für mich selber. Ich muss es nicht toll finden, los zu lassen, ich muss noch nicht mal stark sein. Ich darf heulen und zweifeln und trauern und klagen. Und ich weiss, dass Gott mir zuhört und mich versteht. Denn Gott ist Vater und Mutter, der weiss wie es ist seine Kinder loszulassen und ihren Weg gehen zu lassen, weil Liebe so etwas tut.

Ich bin gut aufgehoben bei ihm mit all meinen Fragen und dem trotzigem „Nicht akzeptieren wollen“. Weil er mich ja eh kennt und sowieso liebt – warum sollte ich ihm was vormachen. Hat noch nie funktioniert 😉

Und so mischt sich in die blöden Gefühle des Abschieds auch ein Stück Vorfreude, auf das was kommt.
Wie wertvoll ist die Gewissheit, einen Vater im Himmel zu haben, der sich nicht zu schade ist, mit einem kleinen Jungen in die Schule zu gehen und bei ihm zu sein – da wo ich nicht bin.