Freundschaft mit Happy End!

Dieser Petrus!
Was hatte er geprahlt und behauptet, dass ER seinem Meister treu bleiben wollte. Er hatte es gesagt, als er zwischen den anderen Jüngern am Tisch lag. Als er in der Gruppe zusammen saß. Jesus hatte komische Dinge angedeutet, Merkwürdiges erzählt. Aber Petrus dachte, bei Jesus würde alles gut werden. Siegessicher in der Sache waren sie noch am Palmsonntag nach Jerusalem eingezogen. Wurden bejubelt und willkommen geheißen. Ein Hoch auf das Leben, was gerade stattfand. Er wusste, alles würde gut.

… und dann als die Nacht kam, die Soldaten, der Verräter. Als alle riefen: „Kreuzigt ihn! Wir wollen ihn nicht!“
Da war es dann plötzlich dunkel und feindselig um ihn herum. Kein Jubeln mehr und keine „Willkommens“- Rufe.
Vielleicht dachte er: Ach, wenn doch wieder Palmsonntag wäre.
Nur noch mal die Gemeinschaft erleben, die Freude, den guten Blick in eine siegreiche Zukunft. Doch plötzlich hatte sich das Blatt gewendet, plötzlich war alles, was noch vor Kurzem so klar und sicher schien, weg.
Und dann kam die Angst, die Angst eines starken Mannes, in der Dunkelheit und bei dem argwöhnischen Fragen der Menschen um ihn herum. Und er wusste: Wenn ich jetzt bekenne, dass ich zu Jesus gehöre, dann bin ich mit dran, dann verlier ich, dann sterbe ich.

Ich kann seine Angst so gut verstehen: Dieses Angst, die frisst und nimmt und einengt. Die Angst, die den Blick nach vorne verschliesst, wenn der Weg neblig und hoffnungslos erscheint. Ich kann ihn verstehen – diesen Petrus. Es könnte meine Geschichte sein. Immer wieder in diesem Leben.
Wenn Wege schwierig sind, will ich auch oft zurück zu den glorreichen Zeiten, zu Leichtigkeit und Lachen. Wenn ich hetze oder versage oder die Welt das für mich übernimmt, dann sehne ich mich auch zurück nach Palmsonntag. Dann will ich keinen Karfreitag. Und dann schäme ich mich für meine Angst, die mich Dinge tun lässt, die ich ohne diese lähmende Angst nie tun würde. Dann bestimmt die Angst meinen Weg. Auch dann, wenn ich doch Jesus kenne. Dann tauche ich kurz ab, will nicht weiter gehen – will rückwärts zu den schönen Tagen, will und kann nicht mutig sein.

Doch Karfreitag ist nicht das Ende der Ostergeschichte. Der Ostersonntag kommt und verändert den Lauf der Geschichte. Die große Auferstehung findet statt, das riesige unermäßliche Geschenk. Doch Petrus begreift es nicht. Er ist drin in dem Strudel von Angst und Scham. Er ist am Boden, denn er hat auf ganzer Linie versagt. An einer Stelle heisst es, dass er ging und bitterlich weinte. Es war ihm klar, dass er nicht der Starke war, der die Dinge im Griff hatte. Dass gerade ER es nicht schaffte, mutig zu sein. Gerade er! Das muss ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Vielleicht hätte er die ganze Ostergeschichte verpasst, weil er sich nicht gewagt hätte, noch mal aufzustehen. Angst macht so viel mit uns – und nimmt so viel.

Nach seiner Auferstehung begegnet Jesus seinem ängstlichen Petrus. Das ist die Kehrtwende. Er geht zu seinem scheinbar starken Mann, der sich wohl eher gerade wie der größte Depp von allen fühlt. Er sieht ihn an und fragt nur das eine: „Hast du mich lieb?“
Und Petrus, getroffen in seiner Angst, wagt die Antwort und flüstert vorsichtig.
„Ja, ich hab dich lieb“
Und Jesus fragt ihn noch zwei mal und holt Petrus damit Stück für Stück aus seiner Angst. Er rüttelt an ihm und erinnert ihn daran, wieder aufzustehen. Er lässt Petrus nicht in seiner Schuld. Es ist nicht das Ende.
Das macht mir immer wieder Mut.
ER gibt diesem Mann noch in seiner Angst einen Auftrag. Er glaubt an ihn!
WOW! Was für ein Vertrauensvorschuss.
„Weide meine Lämmer, bau meine Gemeinde.“
Was Petrus wohl gedacht haben muss:
“ Nimm nicht mich! Du weisst ja wo das hin führt. Da ist soviel Angst in mir, soviel Zweifel, soviel großes Reden und keine Taten. Jesus tu dir das nicht an.“
Aber Jesus sagt es ihm:
„Petrus, weide meine Schafe!
Sei wieder präsent. Nimm wieder am Leben teil. Gib mir deine Angst und nimm dafür meine Hand und dann lauf los im vertrauen, dass ich bei dir bin.“

Ich würde gerne von Herrlichkeit zu Herrlichkeit laufen. Ich liebe Lachen und Tanzen und das Leben geniessen. Ich würde gerne von Palmsonntag direkt zu Ostersonntag hüpfen. Aber irgendwie gibt es da noch den Karfreitag dazwischen. Und es zeigt mir, Gott ist nicht fertig mit mir, wenn mich der Strudel der Angst ergreift, oder die Wut oder die Ohnmacht. Er hält aus meinen Verrat, den ich nicht will und doch immer wieder tue. Er bleibt bei mir seinem Möchtegern – Petrus 😉

Er sieht meine Angst – aber die haut ihn nicht vom Thron. Er gibt seinen Auftrag, er traut mir etwas zu. Er bahnt den Weg durch den Nebel der Angst: „Geh und bau meine Gemeinde, weide meine Lämmer! Sei präsent! Hör nicht auf, wieder aufzustehen. Sei mutig und kühn – trotz deiner Angst. Immer einen Schritt vor den Nächsten. Mit dem irrsinnigen Glauben, dass dein Tun diese Welt aus den Angeln heben wird und dafür sorgt, dass sie endlich heilen darf.“

Und wenn mein persönlicher Karfreitag wieder da ist und die Angst wieder nach mir greift und alles zunichte machen will, nimmt Jesus mich wieder an die Seite und sagt: „Hey, hast du mich lieb?“
Und ich schau auf und flüstere unsicher: „Ja?!“
Und er legt seinen Arm um meine Schulter und ruft:
„Na, dann los. Lass uns diese Welt verändern! – Trotz der Angst!“

Und plötzlich fing er an zu singen …

Heute war ich auf einem Geburtstag. Um mich herum: Alte Menschen.
Die meisten irgendwie krank und vom Leben gezeichnet. Krebs, Demenz und andere „Alterserscheinungen“ waren Thema und ich als völlig (Gott sei Dank) Ahnungslose, die zwar Menschen kannte, die krank waren, aber selber so völlig aktiv im Leben stand, hörte den Geschichten um mich herum zu. Wer da so wie krank war und, dass der und die ja schon gestorben waren.
Die Stimmung war aber gar nicht niedergeschlagen, sondern irgendwie recht sachlich, pragmatisch. So als erzählte man sich in einer Kleingruppe über die unabänderliche Schwere des Altwerdens und nahm es als einen Teil des Lebens hin – der einfach dazu gehörte. Und plötzlich fragte ein älterer Herr, der schon die ganze Zeit recht viel geredet hatte, die Geburtstagsoma, welches Lied sie sich denn wünschen würde. Nachdem diese zwei mal nicht genau verstand was er wollte, nannte sie ein Lied und ich dachte schon, dass er wissen wollte, welches Lied sie sich für ihre Beerdigung wünschen würde. Das fand ich dann doch etwas makaber- hätte aber in den Gesamtkontext gepasst.
Aber entweder wollte er jetzt für die Beerdigung üben oder es ging wirklich um ein Geburtstagsständchen… denn plötzlich fing er an zu singen. Und alle am Tisch sangen mit, ausser mir. Denn das Lied kannte ich nicht.
Es war ein altes Kirchenlied und es handelte von Jesus, der trägt und hält. Als alle so sangen und versuchten, die einzelnen Strophen zusammen zu bekommen, spürte ich einen unheimlichen Frieden, der diesen Raum schier durchflutete. Jeder dieser alten Leute war zutiefst gläubig und mit manchen hatte ich schon in der Vergangenheit hitzige Diskussionen über Gemeinde, Glaube und Jesus geführt. (Ja, meine Liebe zur Diskussion macht auch vor alten Leuten nicht halt… und ich kann sehr hartnäckig sein – die aber auch). Und so spürte ich, wie der Glaube an Gott uns in diesem Moment vereinte. Trotz unterschiedlicher Ansichten und Traditionen. Trotz jugendlichem Besserwissen und Altersstarrsinn. Trotz eigenen Vorstellungen und Befindlichkeiten.

Wenn ich mal alt bin, will ich diese Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott auch immer noch haben. Wie diese Geburtstagsgruppe. Dann will ich auch Lieder auf meinem Geburtstag singen. Lieder, die mir weiter Mut machen und mir von Gottes Liebe erzählen. Einer Liebe, die nie kaputtgeht, nie weggeht, und immer gleich stark ist.
Wenn ich am Ende mit meinen alten gebrechlichen Freunden und Weggefährten an einem Tisch einer bergischen Kaffeetafel sitze und mein Mann mir vielleicht die runzelige Stirn glatt streicht, weil meine Sorgenfalten einfach nie verschwinden wollen, dann will ich nicht meckern und motzen und klagen und weinen. Ich will ein Lied anstimmen und den Löffel vom Nachtisch behalten, weil ich weiss, das beste kommt noch… Und es bleibt – eine ganze Ewigkeit!

Und plötzlich bist du Schulkind …

Ich bin kein Freund von Abschieden.
Wer ist das schon. Ich hasse es grundsätzlich, Dinge los zu lassen. Altem und Bewährtem „Lebe wohl“ zu sagen und den nächsten Schritt nach vorne zu tun. Aber manchmal kann man Abschiede nicht aufschieben oder ignorieren. Sie finden einfach statt diese blöden Abschiede, ob man sich nun vorbereitet hat oder nicht, ob man daran teilhaben will oder nicht. Sie geschehen und man selber muss damit klar kommen.

So auch bei uns in diesem Sommer: Unser Sohn kommt in die Schule und das heisst: Kindergarten adé!
Vier Jahre gehen so schnell vorbei und ich kann sagen, dass ich jedes einzelne davon genossen habe. Und, dass wir ziemlich viel Glück (wenn man es denn so nennen will) mit der Wahl des Kindergartens hatten.
Es war noch DAS Jahr (und es war tatsächlich das letzte Jahr) in dem wir die Kita noch auswählen durften. Wir durften uns verschiedene Konzepte anschauen und prüfen und überlegen und am Ende etwas aussuchen, was zu uns passte. Und das schönste daran:
In 90 % aller Fälle bekamen wir dann diesen Wunschplatz. Es gab noch nicht den erschreckten Ausruf: „Oh nein, ich bekomme gar keinen Platz!“ oder: „Naja, der Kleine geht jetzt in den Kindergarten XXX. Ist war nicht unser Wunschkindergarten, aber besser als gar nichts.“
Wenn ich andere Mütter in den Jahren danach gesprochen habe, tat es mir in der Seele weh, dass man kaum mehr mit entscheiden durfte, von wem das Kind in diesen Jahren mitgeprägt werden durfte. Man war einfach froh, wenn man irgendwo „unter kam“

Mir persönlich war es wichtig, dass unser Sohn christliche Werte vermittelt bekommt. Nicht nur Zuhause sondern auch im Kindergarten. Wir wollten, dass er mit Leichtigkeit und Freude Geschichten aus der Bibel hört, Lieder singt, Wertschätzung erlebt und dass er Spass an der Zeit im Kindergarten hat.
Unser Sohn ist so ein Kandidat, der grundsätzlich immer lieber Zuhause geblieben wäre, als in den Kindergarten zu gehen, aber trotzdem war es eine gute Zeit für ihn und ich blicke dankbar zurück. Viel von dem, was er jetzt von Jesus weiss, hat er da von tollen Pädagogen gelernt. Die Selbstverständlichkeit, dass Gott ihn liebt und bei ihm ist, Wertschätzung und Annahme. Alles so kindgerecht und ohne Druck.
Für uns Eltern hatten die Erzieherinnen und die Leitung immer ein offenes Ohr und wir haben bei Problemen immer wieder besprochen und überlegt, wie man am besten vorgeht. Das Kind war wichtig – aber nicht der Mittelpunkt der Welt. Es gab Konsequenzen für schlechtes Verhalten und viel Aufmerksamkeit für das was er konnte und woran er Spass hatte – auch wenn es noch so banal und manchmal ziemlich absurd war. Das war besonders und für uns ein totales Geschenk. Als das will ich es nehmen, wenn wir dieser Zeit „Lebewohl“ sagen.

Nach dem „Lebewohl“ im Kindergarten hiess es dann: Hallo Schule!
Und so saßen wir dann am ersten Elternabend kurz vor den Sommerferien zusammen mit vielen anderen Eltern in der Turnhalle und die Rektorin machte uns in ihrem doch etwas empathielosen Endlosmonolog klar, dass jetzt eine neue Zeit anbrechen würde. Und wir unsere Kinder jetzt mal los lassen sollten.
„Ja, total easy,“ dachte ich.
Gestern haben noch alle erwartet, dass ich mein Kind zur Kita bringe und da auch wieder in Empfang nehme. Und jetzt wurde ich für die Frage getadelt, ob man sein Kind denn noch an der Schule abholen müsste oder ob sie es einfach alleine nach Hause schicken würden.
„Frau Frowein, ihr Kind geht jetzt in die Schule – da ist das normal, dass es das alles alleine macht. Das kriegt der schon hin. Da müssen sie jetzt mal loslassen!“
Ok, ja danke für dieses Gespräch! Ich wusste gar nicht, dass das so automatisch nach sechs Wochen Sommerferien funktioniert. Aber ich lerne ja gerne dazu.

Also lasse ich brav los, mehr weil ich muss, nicht weil ich mich irgendwie dazu bereit fühle. Nicke brav bei all den Anweisungen zum Thema „Schule“. Höre Pädagogen zu, die ich nicht kenne und hoffe weniger, dass mein Sohn das schafft – sondern eher, dass ich es schaffe.
Und dann, wenn kein anderer meine Gedanken kommentieren und bewerten kann, schlucke ich kurz und denke all die Gedanken, die man sich vielleicht als Mutter trotzdem macht – auch wenn sie nicht rein zu passen scheine in eine Welt voll von emanzipierten Supermamas, dir ihre Kinder losrennen lassen und nur winkend dahinter stehen und froh sind, dass sich jetzt irgendwer anders kümmert.

Denn ich mache mir Sorgen, ein wenig darum, wer das denn sein wird, der sich jetzt um mein Kind kümmert. Denn es wird geprägt von denen, die ihn nun lehren. Es wird einen Einfluss geben, der ihn bestärkt oder entmutigt.

Nicht jedes Kind kann alles gleich gut. Er wird seine Schwierigkeiten haben und Dinge nicht gut können. Anderes vielleicht schon. Wie wird das sein in der Schule? Was wird das für eine Botschaft für ihn sein? Wird er seine Liebe zum Lernen behalten? Wie werden Konflikte gelöst, wie Probleme besprochen? Werden Menschen da sein, die das in ihm und in jedem anderen Schüler sehen, was es wert ist, dass man sich darum kümmert? Etwas, was er überragend gut kann oder etwas, was er einfach nicht hinbekommt. Wie kann so was gehen bei diesen Klassengrößen….
Ein wenig hilflos schaue ich mir diese Gedanken an, die ich mir nicht machen sollte, weil „er das schon hinbekommt“… und erschrecke, dass ich mir diese Gedanken trotzdem mache.

Ich merke, dass ich wieder Abschied nehmen muss. Abschied davon, es im Griff zu haben. Dass ich ihn bewahren kann. Dass er noch so klein ist, dass erwartet wird, dass ich mich kümmere. Ich nehme Abschied von einem Stück Kindheit.
Wenn ich zur Ruhe komme und es schaffe, meine Sorge bei Gott zu lasse, kommt mir der Gedanke, dass ich mein Kind von Gott nur geliehen bekommen habe, aber das es SEIN Kind ist. Dass Gott seine Hand über ihn hält. Dass er ihn bewahren will und andere vor ihm. Dass ich zwar im Plan mit drin stecke und immer noch präge und immer noch helfe und unterstütze. Aber dass da, wo mein Kind dann morgens das Haus verlässt – ich loslassen muss. Nicht in eine Schule und auch nicht zu Lehrern und Mitschülern. Sondern, dass ich ihn ganz bewusst in Gottes Hand gebe und IHN machen lasse. Dass ich ihn segne und dann losschicke. In dem Bewusstsein, dass der Gott, der ihn geschaffen hat, seinen unverwechselbaren Plan für sein Leben hat. Er wird ihn durch Gutes führen und in Schlechtem bewahren und ihn lehren.

Ich sehe mich nicht als Helikoptermutter (auch wenn das jetzt wohl JEDER Leser schon in mich hinein analysiert hat 😉 Ich weiss, dass unser Sohn seine Erfahrungen machen muss und dass es ihn stark macht, wenn nicht immer alles nach seiner Nase läuft. Man muss nicht Klassenarbeiten verschieben, weil mein Sohn Geburtstag hat oder in ihm all das sehen, was ich in ihm sehe. Ich wünsche mir nur ein wenig Empathie, ein wenig Mitfühlen, ein wenig gute Pädagogik in seinem Leben. Weil manche Verletzungen im Leben nicht sein müssen.

Wenn ich so über diesen neuen Lebensabschnitt nachdenke, verordne ich mir ein wenig mehr Gnade für mich selber. Ich muss es nicht toll finden, los zu lassen, ich muss noch nicht mal stark sein. Ich darf heulen und zweifeln und trauern und klagen. Und ich weiss, dass Gott mir zuhört und mich versteht. Denn Gott ist Vater und Mutter, der weiss wie es ist seine Kinder loszulassen und ihren Weg gehen zu lassen, weil Liebe so etwas tut.

Ich bin gut aufgehoben bei ihm mit all meinen Fragen und dem trotzigem „Nicht akzeptieren wollen“. Weil er mich ja eh kennt und sowieso liebt – warum sollte ich ihm was vormachen. Hat noch nie funktioniert 😉

Und so mischt sich in die blöden Gefühle des Abschieds auch ein Stück Vorfreude, auf das was kommt.
Wie wertvoll ist die Gewissheit, einen Vater im Himmel zu haben, der sich nicht zu schade ist, mit einem kleinen Jungen in die Schule zu gehen und bei ihm zu sein – da wo ich nicht bin.


Spuren, die wir hinterlassen

Ich war heute mit dem Auto in der Waschanlage und es war bitter nötig. Nach drei Wochen Schuleinsatz und dem darauf folgenden Urlaub schrie mein Fahrzeug mich förmlich an: Bitte, take care! Vergiss mich nicht.
Also bin ich gnädig und fahre durch die Waschanlage, halte einen kurzen Plausch mit den freundlichen Herren, die in der Waschanlage immer rauchen und dabei mein Auto schrubben. Ich kann ja echt viele Sachen gleichzeitig – aber das übersteigt selbst meine weibliche Kompetenz.
Ich grinse in mich hinein und lasse mich dann samt Fahrzeug durch die Anlage schieben. Am Ende sieht mein Auto wieder schön aus und der meiste Dreck ist runter.
Ich liebe diese Momente immer und gönne dem Auto dann noch eine kurze Innenreinigung. Also ich sauge kurz, meine ich damit.

Als ich so vor dem Gefährt stehe, bewaffnet mit dem surrenden Staubsaugerschlauch fällt mein Blick auf die Kratzer, die mein letzter Crash hinterlassen hat. Da wo ich mein Fahrzeug vor einigen Wochen in dieses Metallgartentor einer alten Dame rollen liess, weil ich die Handbremse nicht angezogen hatte.
Ich dachte, dass es nach der Reinigung vielleicht nicht mehr so derb und häßlich aussehen würde. Doch selbst all die Mühe der rauchenden Waschanlagenbetreiber konnten nicht komplett entfernen, was offensichtlich war. Das Ergebnis meines Fehlverhaltens.
Und während ich so lustlos vor mich hinsauge, hänge ich meinen Gedanken nach. Mein Fehler und meine Vergesslichkeit haben Spuren am Auto hinterlassen und ich werde mich noch länger daran erfreuen müssen. Und auch wenn ich weiss, dass es nur ein Auto ist und ich dankbar bin, dass keiner zu Schaden gekommen ist, schmerzt es ein wenig.

Es lässt mich darüber nachdenken, dass meine Fehler im Leben sichtbare, schmerzende Spuren hinterlassen – und das nicht nur auf dem Lack eines Fahrzeuges.
Da wo ich verpasse, Gespräche zu suchen, da wo ich laut werde und ungerecht bin, da wo ich falsch plane und lieblos bin, all das hinterlässt Spuren in dieser Welt. Offensichtliche Kratzer an Beziehungen, Türen, die zu gehen, enttäuschte Menschen und verpasste Träume. Und ich fahre weiter mit offensichtlichen Macken und Verletzungen an mir und dieser Welt. Und sie zeigen sich häßlich und machtvoll und erinnern mich immer wieder und wieder: Das hast du nicht geschafft. DU hast es nicht gut gemacht. Versuch es gar nicht erst wieder. Trau dich nicht noch einmal. Sieh dir das Desaster an und dann sieh, was du hinterlässt. Und es fährt mit mir – jeden verdammten Kilometer.

Manchmal sage ich Gott: Lass mich nicht nur sehen, was mein Fehlverhalten anrichtet. Lass mich sehen, wo du durch mich diese Welt umarmst, wo du durch mich aufrichtest. Gib mir einen wertschätzenden Blick für meine kläglichen Versuche, diese Welt zu lieben.

Und dann sind die Kratzer, die ich verursacht habe auch eine Erinnerung daran, dass ich nicht perfekt durch diese Welt stapfe, dass ich wie jeder andere Mensch an mir und meiner Welt arbeiten muss. Dass nicht alles gut sein muss um wertvoll zu sein. Und dass ich in dieser Welt und darüber hinaus einen Retter habe, der mich zuerst geliebt hat. Der größer ist als ich selber, der wahrhaftiger ist, barmherziger und gnädiger. Und der in mir etwas Großes schafft: Die Fähigkeit zu lieben, aufzustehen und immer wieder weiter zu gehen. Nicht in geduckter Haltung und voller Selbstverdammnis. Sondern als jemand, der sich geliebt weiss.

Neben dem umbarmherzigen Blick auf das, was nicht gut ist folgt ein dankbarer Blick auf die Situationen, in denen ich vielleicht gute Spuren hinterlasse habe. Wo ich einen Schritt beiseite trete und Gott machen lasse, da wo ich innehalte und anderen Menschen den Vortritt gebe. Da wo Freundlichkeit das letzte Wort hat. Da wo ich abwarten kann und vergebe. Da wo ich nicht Maß aller Dinge sein muss.

Und dann will ich sehen, dass nicht mein Versagen meinen Wert bestimmt und auch nicht die vermeintlich guten Taten. Sondern, dass Gott mich kennt und liebt, und dass selbst meine Fehler IHN nicht vom Thron werfen. Ich darf Lernende sein in dieser Welt, ich darf wie ein Kind an der Hand seines Papas alles versuchen, ausprobieren, verschönern, wieder aufstehen, bekennen und in allem gewiss sein, dass die Welt nicht von mir abhängt und dass Gott trotzdem durch mich ein Stück seines Königreichs baut.

Kratzer an Autos können repariert werden.
Irgendwann werde ich diesem Ereignis barmherziger gegenüberstehen.
Und doch will ich eine Lernende bleiben. In all den Situationen, in die Gott mich stellt. Ich möchte nie glauben, dass ich alles begriffen habe – sondern immer auf dem Weg bleiben. Ganz nah an meinem Schöpfer.

Am Ende meines Lebens werde ich vielleicht mit aufgeschürften Knien, Wunden, Narben und Verletzungen an der Tür des Himmels knien. Und Gott wird einfach „Willkommen zu Hause“ sagen und mich in die Arme nehmen. Eine ganze Ewigkeit lang.

Die Woche rächt sich…

Am Anfang liegt diese Woche wie ein weisses Blatt vor mir:
Unschuldig und einladend für all meine Belange und Erledigungen. Doch sie füllt sich immer sehr schnell. Ich erfülle Erwartungen, mache Erledigungen. Packe nochmal ne Schippe mehr drauf – manchmal mehr als mir gut tut. Doch das merke ich in dem Moment nicht. Ich schreibe alles auf, vervollständige To-Do Listen, mache Verabredungen. Denke, dass hier und da noch was reinpasst. Wenn ich es diese Woche nicht schaffe, dann habe ich den Termin ja immer noch im Kopf, dann muss ich es nächste Woche erledigen. Aber die nächste Woche hat ja irgendwie auch nicht so viele Stunden, wie ich bräuchte…

Ergebnis davon ist, dass ich das Wochenende herbeisehne und mich freue, dass dann einfach nichts ist. Lange im Bett liegen und spät frühstücken.
Und doch geht diese überfüllte Woche nie spurlos an mir vorüber – und genau dann, wenn ich denke, alles geschafft zu haben … geht der Wahnsinn erst richtig los:

Ich wache also an diesem freien Samstag mit beissenden Kopfschmerzen auf, gepaart mit einer dezenten Übelkeit und Lichtempfindlichkeit: Den weiteren Verlauf des Tages male ich mir dann schon mal aus. Am besten tue ich nichts und verkrieche mich in die Dunkelheit.
Aber anstatt mich zu verkriechen, komme ich raus aus dem Schlafzimmer und versuche am Leben teilzuhaben. Angriff als Versuch dieses Wrack zu umschiffen.
Am Frühstückstisch macht sich der Kopfschmerz bemerkbar und kriecht mit mir gemeinsam über den Küchentisch. Ich greife nach Butter und Nutella, sorge dafür, dass die Kinder auch was Obst auf dem Teller haben. Gott sei Dank habe ich die überteuerten Himbeeren gekauft: Das einzige Obst, was unsere dreijährige Tochter anrührt und fleissig in sich hineinschaufelt. Ich versuche mit meinem Mann ein anständiges Gespräch zu führen.
Nein, Stop: Ich versuche einen Satz zu Ende zu bringen. Nur einen Satz! Und werde dabei immer wieder von unserem quirrligen, fünfjährigen unterbrochen, der jede Menge Spass daran findet mit meinem Mann herum zu albern….
Irgendwann reicht es mir. Kopfschmerz und ich setzen zum Angriff über.
„Es wäre total toll,“ motzt meine Mutterschnutte, „wenn ich hier mal einen Satz beenden könnte. “
Mein Mann pflichtet mir bei. Doch mein Sohn geht auf mein banales Bedürfnis nach Mitteilung nicht ein. Er lacht und unterbricht mich  – wieder.
Jetzt reicht es. Das kann ich auch!!! (Wieso kann man hier eigentlich nicht den wutschnaubenden Smiley einsetzen?!)
Ich explodiere, reisse die erstbesten halbleeren Teller an mich, springe auf und schimpfe, während ich wutschnaubend in die Küche renne und das Geschirr auf die Anrichte schmettere. „Es kann doch nicht sein, dass ich hier nicht zu Ende reden kann. Ich will nur diesen einen Satz beenden.“ Während ich hysterisch werde, merke ich schon, wie albern das jetzt ist, wie wenig erwachsen und reflektiert. Aber ich will auch einfach mal mit dem Fuß aufstampfen und schnauben und heulen und die ganze Welt an meinem Drama teilhaben lassen. Bei meiner Tochter klappen Wutausbrüche doch schliesslich auch.
Resultat ist, dass ich tatsächlich diesen einen Satz zu Ende bringen darf. Aber ich habe schon gar keine Lust mehr darauf und habe den Satz auch irgendwie schon vergessen.
Das Frühstück ist beendet und die Harmonie hat fluchtartig den Raum verlassen.

Wir haben seit kurzem einen Staubsaugerroboter, der sehr brav all unsere Böden reinigt ohne dass er viel Dank erwartet. Wir müssen nur auf START drücken. Das tut mein Mann dann auch kurz bevor er den Raum nach dem Frühstück verlässt.
Der Staubsauger macht sich auf den Weg und bewegt sich Richtung Küchentisch. Der ist aber noch keinen Deut abgeräumt und meine Tochter entscheidet sich noch kurz für eine Scheibe Stuten, mit der sie munter durchs Wohnzimmer tanzt. Meine Nerven sind dünn und wer jetzt darauf rumtanzt wird definitiv abstürzen. Ich springe auf und schimpfe: „Wie kann der Staubsauger saugen, wenn der Tisch noch nicht abgeräumt ist!“
Wenn ich vorher noch nicht gestresst bin: Jetzt bin ich es auf jeden Fall.
Mein nächster Gedanke: Der Stuten. Hat der Staubsauger erkannt, dass er jetzt eigentlich erstmal hinter dem kleinen Mädchen herfahren muss um all das aufzufangen, dass sie in ihrem kindlichen Leichtsinn fallen lässt? Probleme, die die Welt nicht braucht – und ich in diesem Moment auch nicht.
Mein Mann kommt zurück, klärt mich kurz über die intelligente Route des Staubsaugers auf, dann pfeift er die Tochter zurück. Alles kommt kurz wieder in Ordnung und wir räumen ab.

Kurz danach verkrieche ich mich auf Sofa, schmeiss mir ne Schmerztablette ein und warte verzweifelt auf die Wirkung. Ich schliesse die Augen und lade die Dunkelheit ein. Liegen tut gut, Nichtstun tut gut. Ich döse langsam ein. Es ist still im Haus und irgendetwas läuft auf YouTube. Aber ich nehme es kaum war. Irgendwann frage ich: „Wo sind eigentlich unsere Kinder?“
„Na, die spielen im Kinderzimmer,“ antwortet mein Mann.
Krass, das ist nicht immer so. Ich geniesse es jetzt in diesem Moment, wo anscheinend diese ganze wirre Woche zur Ruhe kommt. Wo ich daliege und nichts leisten muss, nichts organisieren, nichts planen, nichts aushalten oder regeln. Ich kann einfach da sein. Und ich bin umgeben von Menschen, die mich trotz meines Dramas und meinen Ausbrüchen – lieben! Die nicht einfach gehen, weil ich zu anstrengend bin; die kuscheln kommen, auch wenn ich mal gehörig laut geworden bin, laut, unfair und kindisch. An solchen Tagen, die ziemlich chaotisch sind, freue ich mich dann mehr denn je Teil dieser Familie zu sein. Und ich würde es gegen nichts eintauschen.
Und trotzdem will ich diese selbstverständliche Liebe nicht einfach so hinnehmen. Ich möchte lernen, entspannter zu werden, mehr liebende Worte, auch mal mehr Klappe halten, sachlich werden und der Harmonie mehr Raum bei uns zu geben.

Ich habe diesen Tag überstanden. Fühle mich noch immer wie auf Drogen oder wie im Trance. Ich habe nicht den ganzen Nachmittag auf der Couch gelegen. Ich bin irgendwann aufgestanden und wir waren Eisessen und am Ende noch spazieren und auf dem Spielplatz. Ich hebe meinen Blick und übe mich in Dankbarkeit, erkenne kleine Dinge, die kostbar sind. Dinge, die schnell so selbstverständlich scheinen: Die Sonne, die freie Zeit mit der Familie, Eisessen und sich dies ohne weiteres leisten zu können, gesunde Kinder, schöne Zeit mit meinem Mann, unser toller Wald, der Spielplatz ganz in der Nähe, kreative Ideen der Kinder beim Spiel, Frieden…
Und ich lasse mich in diese Dankbarkeit fallen und wehre mich gegen den Wunsch, dass der Abend kommt und die Krankheit verschwindet. Ich schalte zurück, zehn Gänge mehr als ich eigentlich habe. Und ich treffe für mich persönlich die Entscheidung, dass ich es in der Hand habe, wie dieser Tag weitergeht. Und am Ende kann ich sagen: Es war was chaotisch! Aber es war auch gut! Ich habe viel falsch gemacht, aber auch einiges richtig.

Es ist mittlerweile acht Uhr abends und ich liege im Bett neben meinem Sohn. Das ist unsere Zeit, in der wir uns vom Tag erzählen oder ich mir die neusten Geschichten von LEGO Ninjago anhöre. So bleibt man auf jeden Fall auf dem neusten Stand.
Er entschuldigt sich dafür, dass er heute nicht so gut gehört hat. Macht er irgendwie immer – passt aber auch immer 🙂
Ich erzähle ihm, dass ich heute sehr schnell gereizt war, weil ich so Kopfschmerzen hatte. Ich erkläre ihm, was „gereizt“ heisst und er sagt: „Du hattest Kopfschmerzen, weil du so wütend warst, weil wir nicht gehört haben.“
Ich halte kurz inne. Bamms!!
„Nein, “ meine ich, „ich hatte Kopfschmerzen, weil ich einfach heute krank war. Da könnt ihr nichts für!“
Ich nutze den Moment trotzdem (schändlicherweise) für eine kleine pädagogische Unterweisung. „Aber es wäre natürlich trotzdem schön, wenn ihr auf mich hört, und mich mal meinen Satz zu Ende bringen lassen würdet!“

Wenn ich selber krank und schwach bin, wenn ich mich überfordere und zu viel auflade, dann bekommen das am Ende die Menschen ab in meiner Umgebung. Dann bin ich launisch und gemein…
Und meist trifft es die Menschen, die ich am meisten liebe, weil ich denen irgendwie am meisten zumute mit mir klarzukommen….

Natürlich sind an so einem chaotischen Tag viele Menschen „Schuld“. Ich versinke auch eigentlich nicht in Selbstverdammnis, weil ich ja so schlecht bin und alle um mich herum keine Fehler machen. Ich könnte sie alle aufzählen, die Versäumnisse, die neben mir passieren. Dinge, die es wert sind, dass man sich über sie aufregt und die einen wütend und traurig machen.
Doch ich habe mich entschieden, dass mein Fokus nicht darauf liegen soll – weil das einzige, was ich wirklich verändern kann, ich selber bin. Ich kann zwar meine Kinder erziehen und Konsequenzen verabreichen, ich kann Strukturen verändern und Situationen entschärfen. Ich kann meinen Mann (natürlich total liebevoll 😉 ) mit meinen Bedürfnissen und seinen Versäumnissen konfrontieren. Und glaub‘ mir: Das tue ich!
Aber ich wünsche mir, dass ich nicht mehr so sehr davon abhängig bin, was um mich herum passiert. Dass meine Laune und meine Selbstannahme nicht steht und fällt mit den Fehlern der Menschen um mich herum. Das halte ich für Weisheit! Denn dann bin ich diejenige, die entscheidet und die aktiv ihr Leben in der Hand hält und nicht mehr Opfer ihrer Gefühle und Umstände ist.

… Wenn sich am Abend der Tag verabschiedet, dann spreche ich oft einen einzigen Satz als Gebet, als Bitte an den, der mich geschaffen hat und der mich liebt!

Herr, lass meine Seele zur Ruhe kommen!

Und dann denke ich an einen Bibelvers, der am Spiegel in unserem Badezimmer hängt

Ihr findet Ruhe für eure Seelen. (Mt. 11,29)

Das wünsche ich dir und mir in dem Chaos des Alltags.
Verlier nicht den Mut!

Gedanken an Gott…

Herr Jesus,
Ruhig will ich werden,
Mehr inne halten und Rast machen,
Luft holen
Und wieder ausatmen.
Denn du bist Gott!
Und ich muss es nicht sein.
Vorbereitet sind die Dinge,
Die ich tun soll,
Eingebettet in deinen Masterplan.
Gelesen hab ich das oft,
Aber das Herz weigert sich,
Daran zu glauben,
Denn es kennt eigene Wege,
Die auch zum Ziel führen
Aber deinen Frieden nicht kennen…
Gott, begegne mir,
Dann wird alles anders!
Halte mich,
Führe mich,
Lass mich nicht los!
Du bist mehr als Leben,
Das will ich glauben….